Melbourne zu Fuß

Weil Schlaf bekanntlich überbewertet wird, begann mein Tag heute nach der Ankunft um kurz nach zwei zu nachtschlafender Zeit damit, dass ich mich am Flughafen in Melbourne in guter Backpacker-Gesellschaft in einem Seitengang wiederfand, da es tatsächlich keine offenen Geschäfte / Cafés oder dergleichen dort gibt. Aber Flieger, die mitten in der Nacht ankommen. Da ich im Flieger bereits geschlafen hatte, machte ich mich also gegen 7 Uhr mit der aufgehenden Sonne auf den Weg zu meinem Hotel. Nunja, es nennt sich Hotel Claremont, aber eigentlich ist es ein Guesthouse – ich subsumiere das alles mal großzügig unter „Bed & Breafast (BnB)“. Schön ist es hier, ich bin nicht einmal der älteste Gast, hätte ich so nicht gedacht. Allerdings ist die überwiegende Mehrheit hier definitiv unter 25, das Ausbeuterschema von Work & Travel scheint bestens zu funktionieren und die Kids hier reißen sich um jede Art von schlecht- bzw. gar nicht bezahlter Arbeit, ständig telefoniert jemand wegen eines Jobs und wenn man die Aushänge hier in der Stadt so liest, dann frage ich mich, ob meine Negativeinstellung zum Mindestlohn nicht vielleicht einer Überarbeitung bedarf. Früher hat sich die Generation Praktikum im eigenen Land ausbeuten lassen, heute machen sie das wenigstens da, wo die Sonne scheint und das Leben easy ist. Letzteres ist es wirklich. Schon meine ersten Schritte in Australien waren von extremer Hilfsbereitschaft geprägt. Hier wird man jederzeit höflich behandelt und die Menschen plaudern ganz unbefangen drauflos. Kann mich nicht erinnern, wann mir das in Düsseldorf mal passiert ist und hier in Melbourne schon drei- oder viermal an einem Tag. Klar, das muss man mögen. Aber das gilt auch für Altbier oder Flönz.

Melbourne zu Fuß – Tag 1

Nachdem ich mich zunächst noch schnell mit einem Frühstücksrest gestärkt hatte, ging es zu Fuß auf Erkundungstour. Eigentlich wollte ich nur das Viertel etwas erkunden und anschließend an den Strand. Aber schon im Hotel fiel mir eine Broschüre in die Hände, die für den Botanischen Garten warb (das Herz meiner Mutter hüpft jetzt sicher ein Stück höher), der zu meiner Überraschung recht nah am Hotel liegt und überdies keinen Eintritt kostet. Da es unfassbar sonnig und recht schnell recht warm wurde, erschien mir die Aussicht auf Bäume, Schatten und die australische Flora (und Fauna) durchaus sehr verlockend. Also taperte ich los und wurde für meine Mühen belohnt, ohne den gesamten Botanischen Garten gesehen zu haben – eine echte Oase der Ruhe, wobei Melbourne keineswegs einen hektischen Eindruck macht. Auch im morgendlichen Berufsverkehr mit den Öffis war das nicht festzustellen. Australier bringt offenbar recht wenig aus der Ruhe. Nach einem Tag kann ich nicht sagen, dass ich das schon verinnerlicht habe, aber mir gefällt die Einstellung (und ja, ich weiß, die würde mir gut stehen). Gelassenheit also als erste Lektion. Gar nicht so leicht, denn beim zweimaligen Fahren mit der Metro hatte ich mehr so ein Kirmes-Bimmelbahn-Gefühl – wir wurden jedesmal von anderen Bahnen, die zur selben Station fuhren, überholt. Oder standen mal eine Weile unmotiviert auf den Gleisen herum, bevor es weiterging. Australier stört das nicht. Zumindest dringt das nicht nach außen. Allerdings leiden Australier auch extrem unter Phubbing (Achtung, das ist nicht ernst gemeint, auch wenn es sehr professionell aussieht, aber es ist nur ein Gag einer australischen Werbeagentur, die den Menschen aber dennoch sehr genau auf die Finger geschaut hat). Soviel zu meiner Hein’schen Abschweifung für den heutigen Tag.

Im Anschluss an die Tour durch den Botanischen Garten widmete ich mich dann noch dem City-Bereich (Business District) und siehe da, Melbourne kann mit einer beeindruckenden Skyline und einem wilden Stilmix aus historischen Gebäuden und moderner Architektur glänzen. Dort kaufte ich dann endlich meinen Reiseführer und zwar den Klassiker für Individualtouristen: East Coast Australia von Lonely Planet. Dazu noch ein paar Postkarten, die ich dann schonmal schreiben kann, wenn ich mich am Samstag auf meinen ersten Ausflug begebe – zumindest sofern das klappt. Geplant ist eine zweitägige Tour entlang der Great Ocean Road mit Start- und Endpunkt in Melbourne. Denn das ist meine Aufgabe für den morgigen Tag: Eine australische SIM-Karte für das Telefon besorgen, denn ohne ist man hier aktuell recht aufgeschmissen. Und im Anschluss daran die Samstags-Sonntags-Tour entlang der Great Ocean Road buchen. Dann eine Nacht Aufenthalt von Sonntag auf Montag und dann ab in einen Greyhound in Richtung Canberra.Von dort aus entlang der Küste bis nach Sydney, aber ich greife vor und mache Pläne, wo ich doch heute Gelassenheit als Lerneinheit auf meinem Zettel stehen habe. Also bleibe ich jetzt ganz gelassen, befolge den Rat von Peter Lustig und werde einfach mal abschalten. Das Internet nämlich. Es ist auch schon 22 Uhr und das WiFi-Netzwerk bricht gleich bestimmt auch zusammen, soviele Kids, wie hier gerade ihr iPhone gezückt haben und munter surfen. Aber was beschwere ich mich? Ich habe das Laptop auf dem Schoß, um mein Chronistenwerk zu vollenden. Oder um es auf down-underisch zu sagen: „Cheers mate!“.