Achterbahn und Pinguine

Sonnenstich. Klarer Fall. Könnt ihr ruhig zugeben, dass ihr das bei der Überschrift gedacht habt. Oder ihr gehört zur Gruppe meiner Nerd-Freunde, die gerade dachten, ich hätte mein Netbook mit Ubuntu-Linux mit auf einen Jahrmarkt genommen im besten Fall, vielleicht aber auch an eine Achterbahn der Gefühle gedacht. Hier in Melbourne lassen sich diese beiden Themen auf nur wenigen hundert Metern miteinander kombinieren. Aber schön der Reihe nach, heute dient mir das Abschweifungs-Stilmittel mal als Einleitung, was aber nicht bedeutet, dass ich mich nicht doch noch die in der ein oder anderen Abschweifung ergehe.

Zunächst einmal fing mein Tag damit an, dass ich pünktlich beim Frühstück war. Was ich gestern für die Reste hielt, entpuppte sich dann aber als das reguläre Frühstück. Heute bestand es aus Toast mit Marmelade, Special K mit Milch und ein paar Aprikosenschnippseln aus der Dose. Dazu O-Saft und schwarzer Tee mit Milch. Wenn es wenigstens Joghurt zu den Cornflakes geben würde, aber ich passe mich ja hier den Landesgepflogenheiten so gut es geht an. Folgerichtig Milch statt des fehlenden Joghurts. Danach dann Routenplanung für den Tag, also das Finetuning, denn der grobe Plan stand schon vor dem Einschlafen. Nach der geballten Ladung Flowerpower gestern und dem Blick aufs Meer vom „Shrine of Remambrance“ wollte ich dann heute mehr Meer. Und zwar besonders ramontisch, nämlich mit Sonnenuntergang! Ha – nur weil ich alleine unterwegs bin, verzichte ich nicht auf meine Jahresdosis Romantik. Hab ich heute ausgelebt, soviel schonmal vorweg. Wo war ich? Ach ja. Routenplanung. Erstmal SIM-Karte fürs Handy besorgen, was direkt um die Ecke im Woolworth schnell erledigt war. In Australien ist der Laden unter anderem auch ein echt gut sortierter Supermarkt – nix vom deutschen Billigbilligbillig-Image. Und dann zu Fuß die Chapel Street ganz runter, bis nach St. Kilda. Eine absolut faszinierende Straße, die heute noch vom Glanz besserer Tage erzählt. Ein wenig erinnert die Chapel Street an Londons East End, genauer an Brick Lane: Alte Gebäude, marodierender Charme, kultureller Schmelztiegel und Street Art. Überall. Mal hängt ein einzelner Schuh lose baumelnd an einer Oberleitung für Straßenbahnen, mal ist es ein Graffiti und dann eine Skulptur oder ein wohl platzierter Aufkleber auf einem Firmenschild. Melbourne ist mit 600 Stadtteilen und vier Millionen Einwohnern nicht nur groß, sondern auch vielschichtig. Schon fast am unteren Ende der Chapel Street im Stadtteil Prahan findet sich eine riesige Markthallte, die auf den Namen „Prahan Markets“ hört. Unfassbar frische Dinge werden dort angeboten und im Innenhof lässt es sich lauschig sitzen. Nur eine Straße weiter das Gegenangebot aus deutschen Landen: Feinkost Albrecht. Richtig gelesen: Da leuchtet mir in einer Nebenstraße ein bekanntes Schild mit ALDI entgegen. Günstiger als die gängigen Supermärkte ist man dort aber nicht zwangsläufig. Dennoch ist die Aufteilung bekannt, aber das Publikum eher wie bei uns in den späten 80er Jahren.

Melbourne zu Fuß – Tag 2

Mit frischen Getränken in der Tasche und einer dicken Packung Nussmischung führte mich mein Weg dann weiter in Richtung Süden, in den etwas nobleren Stadtteil St. Kilda, der vor allem wegen des Strandes sehr beliebt ist. Weniger bekannt ist hingegen, dass mitten auf einer Verkehrsinsel, die mit „unscheinbar“ noch sehr freundlich beschrieben ist, ein absolutes Highlight aus Melbourner Sicht steht. Ein mehr als 300 Jahre alter Corroboree-Tree (aus der Familie der Eukalyptus-Bäume). Sieht auch unspektakulär aus, ist aber das älteste erhaltene Stück Melbourne, das es gibt. Es diente den Aborigines als heilige Stätte und ist heute noch ein Versammlungsort für die Ältesten. Ohne mein Smartphone hätte ich weder den Ort noch den Baum gefunden. Aber gerade das macht den Ort für mich besonders, denn täglich fahren abertausende Menschen achtlos an dieser Stelle vorbei. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es viele Menschen in Melbourne gibt, die von der Existenz des Baumes wissen. Keine Sorge, ich prüfe das nicht nach, auch wenn es mir in den Fingern juckt.

Vom Corroboree-Tree war es dann nur noch ein Katzensprung hinunter zum Strand und dem weit ins Wasser gebauten Pier. Am Ende des Piers geht dieser dann noch in einen aus Basaltsteinen aufgeworfenen Schutzwall für den Yachthafen über, der aber für Besucher des Piers nur bis zur Hälfte freigegeben ist, dann beendet ein Zaun den Bewegungsdrang. Dahinter liegt eine Schutzzone für kleine Pinguine und Wasserratten. Dazu später mehr. Direkt neben dem Pier ist der Badestrand von St. Kilda mit jeder Menge Sand und fast so vielen Menschen, wie Sand. Wochentags. Hier ist Urlaubszeit, das merkt man an allen Ecken und Enden. Noch ein paar hundert Meter den Strand hinauf liegt der Luna Park, ein in den zwanziger Jahren errichteter Vergnügungspark direkt am Meer. Samt der ältesten noch in Betrieb befindlichen Achterbahn der Welt. Natürlich musste ich aber zunächst ein wenig im Sand herumliegen und meine Füße zumindest mal ins Wasser stecken. Kein Hai hat daran geknabbert, waren einfach zu viele andere Menschenleiber im Weg, schätze ich. Nach diesem erfrischenden Fußbad wanderte ich dann zu eben jenem Freizeitpark und war erstaunt, über die Menge junger Leute, die es sich auf den Wiesen vor dem Luna Park bequem gemacht hatten und in kleinen Grüppchen, mal stehen, mal sitzend, mal liegend, zusammengeballt waren. Dazu der Geruch von verschiedenen Essenssorten in der Luft, zahlreiche Stände und viele Kleinkünstler – vom Jongleur, über Slackliner bis hin zu Musikern. Eine tolle und entspannte Atmosphäre. Kaum hatte ich mich mit etwas zu essen (Chicken Dumplings) hingesetzt, wurde ich auch gleich schon von neben mir sitzenden Jugendlichen (so um die 19 Jahre alt) angesprochen und eingeladen, etwas mit ihnen aus ihrem Tetrapack zu trinken. Alkoholisch natürlich. Da ich mich gerade in Enthaltung übe, habe ich leider ablehnen müssen, aber das brachte das Gespräch nur noch mehr in Gang, denn die Frage nach Kippen musste ich ebenfalls verneinen. Es entstand ein lustiges Gespräch und es sollte nicht das letzte für heute gewesen sein. Ich mag die Menschen hier unten. Seltsamerweise berichten mir andere Deutsche, von denen es hier echt noch mehr als auf Malle wimmelt, immer wieder, wie unhöflich Australier sind. Keine Ahnung, ob die direkt auf Deutsch ihre Fragen formulieren, aber ich kann das überhaupt nicht bestätigen.

Nach einigen Stunden des Müßiggangs folgte das, weshalb alle am Strand waren: der Sonnenuntergang. Ganz Melbourne scheint dann ans Wasser zu kommen, ist mir gestern gar nicht so aufgefallen. Ich hatte mich auf den Weg zum Pier gemacht, weil ich den Tipp bekommen hatte, dass nach Sonnenuntergang die Pinguine vom großen Fressen im Meer nach Hause kehren und dann eine regelrechte Pinguin-Parade stattfinden würde, wenn diese alle zu ihren Brutplätzen watscheln. Aufgrund meines nach wie vor miesen Karmas blieb die Wanderung erstmals seit über sechs Jahren aus. Ohne Scherz. Nur ein paar wenige Pinguine von den über 1200 in dieser Kolonie kamen zurück, aber das Ausharren bis kurz vor Mitternacht hatte sich dennoch gelohnt – sehr süße Tiere, über die ich dank der hilfsbereiten Pinguin-Rettergruppe (allesamt Freiwillige) sehr viel gelernt habe. Wann also kommt dazu mal ne Frage bei Herrn Jauch, damit ich beim Klugscheißen gut aussehe? Egal. Ich habe sogar dank meiner neuen Kamera auch ohne Blitz und bei ganz miesen Lichtverhältnissen noch ein Foto machen können, allerdings ist es ein wenig verrauscht – es war aber auch schon richtig dunkel.

Einfach schön war es aber auch schon vorher, als die Sonne langsam im Meer versank und der gesamte Pier andächtig zuschaute und ein leises Seufzen durch die Zuschauenden ging. Romantik-Overload. Überhaupt war heute ein großartiger Tag für Fotos und folgerichtig gibt es auch viele davon. Leider ist mein Upload-Kontingent hier im Hostel aufgebraucht, ich muss mir also noch etwas einfallen lassen, um die Bilder auf der einen Seite in der Cloud zu sichern und andererseits auch hier im Beitrag zu verankern. Mister Koala zeigte sich beim Betrachten des Meeres sehr beeindruckt, vor allem, weil man in der Entfernung aufgrund der überaus guten Wetterlage sogar Tasmanien sehen konnte. Noch mehr aber, weil daneben der Blick frei war auf die Antarktis – die war dann aber zu weit weg, um sie wirklich zu sehen. Bisher bin ich am südlichsten Punkt der Welt, wie ich sie bereist habe, angelangt. Und damit mache ich nun zwei Sachen zu: das Laptop und die Augen.