Kia Ora Wellington

Der geneigte Westeuropäer würde wohl Hallo oder Hello sagen, der Maori ist da etwas werblicher und benutzt koreanische Automarken für die Begrüßung. Oder die Verabschiedung. Kia Ora lässt sich da genauso ge- und missbrauchen, wie das italienische Ciao oder das bayerische Servus. In jedem Fall sind wir mit unserer Reisegruppe am sechsten Tag in Wellington angekommen und bleiben hier für zwei Nächte im YHA direkt am Hafen. Heute stand zunächst die Abreise aus dem verregneten Taupo auf dem Programm, die uns auf einen kleinen Umweg zum Gravity Canyon führte, einem Vergnügungspark mitten in einer unfassbar tiefen wie schönen Schlucht. Steile Felswände aus einem harten, zuweilen fast weißen Stein fallen hier nahezu senkrecht über mehrere Meter in die Tiefe. An der Stelle, wo dereinst eine alte Hängebrücke stand, von der nunmher nur noch die steinernen Pfeiler zu beiden Seiten des Canyons aufragen, ist nun ein Vergnügungspark für Adrenalin-Junkies errichtet worden. Die Foltermittel der Wahl sind hier in der Reihenfolge ihres Adrenalinausstoßes: Flying Fox, Bungee und Freefall-Schaukel. Letzteres klingt harmlos, ist aber definitiv aufregender als ein Bungee-Sprung, wie mir zwei wagemutige Mitglieder der Gruppe versicherten. Der Flying-Fox-Effekt ist hingegen eher auf die Beschleunigung ausgerichtet und ein älteres Ehepaar, dass ich dort im Café kennengelernt habe, wollte sich diesen Spaß mit über 160 km/h Beschleunigung nicht entgehen lassen. Wenn ich älter bin (noch älter, jaja), möchte ich genauso sein.

Weiter ging unsere Reise durch anspruchsvolle Landschaften, die wohl in dieser Form fast einzigartig auf der Welt sind. Kegelförmige Gebirgsformationen, so weit das Auge reicht. Dazu Nadelwälder, wie in der Eifel und immer wieder Regenwälder, Wiesen und jede Menge Schafe und Kühe. Und dann wieder Küste und Landstriche, die an das nördliche Mittelmeer erinnern. Das Auge ist angesichts sovieler Informationen schier überfordert und nicht selten verschlafe ich Teile der Reise im viel zu engen Reisebus. Wann verstehen Hersteller von Bussen und Kleintransportern endlich, dass wir im Jahr 2014 leben und Menschen durchaus 190cm und mehr groß werden können? Eigentlich sollte man in den USA leben und alle auf Knieschäden verklagen, damit man nie mehr arbeiten muss und mehr Zeit und Geld zum Reisen hat. Ich überlege mir das noch.

Ziel unserer Reise war bzw. ist das bereits erwähnte Wellington. Die Hauptstadt also. Heute ist ein besonderer Tag, denn heute fand in Wellington das berühmte und bei Neuseeländern besonders beliebte Sevens Wellington statt. Dabei handelt es sich um ein Rugby-Spiel, bei dem alles auf die Zahl 7 ausgerichtet ist. Die sieben weltbesten Nationen und so weiter. Was aber noch erstaunlicher ist: alle Wellingtoner sind verkleidet, wie es im Rheinland bestenfalls an Karneval der Fall ist und auf den Straßen waren unfassbar viele angetrunkene Menschen unterwegs, sowie Straßenmusiker und vieles mehr. Und das trotz Regen und nicht unbedingt erfreulichen Temperaturen, aber das kennen alle Karnevalisten ja zur Genüge. Als ob es im Januar oder Februar jemals wirklich warm gewesen wäre. Unsere Reisegruppe hat den Abend mit thailändisch-indischem Essen sowie anschließenden Bar-Besuchen und einigen Tanzeinlagen auf der Straße zugebracht. Ein schöner und langer Tag liegt hinter uns und wir alle freuen uns auf unseren freien Tag morgen in Wellington, mit Museumsbesuchen, Radtouren und was uns sonst noch alles einfällt. Ich werde wohl das Rad besteigen und schauen, dass ich ein paar Berge mit dem Mountainbike erklimme. Der Bewegungsmangel der letzten Tage wirkt sich ungünstig auf meine Gemütslage aus. Von Lagerkoller möchte ich noch nicht sprechen, aber der Übergang ist vermutlich fließend.