Tschi-Tscha

Gute Geschichten fangen in der Regel mit „Es war einmal“ an. Doch wie beginnen Geschichten, deren Ende offen ist und deren Gegenwart alles andere als erfeulich ist? Ganz zu schweigen von der Vergangenheit. Unser Reisebus rollt langsam durch die unebenen Straßen von Christchurch. Bis 2011 eine der energiegeladenen Metropolen Neuseelands, vielleicht sogar die pulsierendste von allen. Internationale Künstler gaben sich die Klinke in die Hand, das Stadion beheimatete zahlreiche Events von Cricket über Rugby bis hin zu Großkonzerten und die Einkaufsmeile der Stadt im Central Business District vibrierte am Tag so sehr, wie die Partymeile mit Kneipen und Clubs bei Nacht. Dann kam das große Erdbeben und kein Stein blieb auf dem anderen. Viele Gebäude mussten oder müssen noch abgerissen werden, die Schäden sind enorm. Als am 22.02.2011 um 12.51h die Erde in Christchurch bebte, kamen nach offiziellen Angaben 185 Personen ums Leben. Wer heute durch Christchurch fährt oder geht, sieht leerstehende Bürogebäude, stark gewellten Asphalt, jede Menge Baustellen und noch mehr leerstehende Wohnhäuser, gerade dort, wo das Wohnen in ChCh (gesprochen Tschi-Tscha), wie Christchurch von den abkürungswilligen Einheimischen genannt wird, am teuersten ist: direkt am Strand. Die Häuser sind stark Einsturz gefährdet und dürfen nicht weiter bewohnt werden. Einige Häuser hängen von den steinigen und steilen Klippen zerfallen oder in sich zusammengesackt herunter. Es ist ein trauriges Bild und noch trauriger ist die Tatsache, dass es drei Jahre her ist, seit das Erdbeben die Stadt zerstört hat und noch immer sieht es hier aus, wie nach einem Bombenanschlag. Alles wird neu aufgebaut, Wolkenkratzer wird es in Christchurch wohl allerdings nicht geben, sondern flachere Gebäude, viele Grünflächen und eine Ausdehnung in die Fläche. Was kaum jemand sieht: Unter der Erde sieht es noch schlimmer aus als darüber, denn die komplette Kanalisation, sowie Frischwasser und auch Elektrizität sind in weiten Teilen ebenso zerstört worden. Insgesamt werden die Aufbaumaßnahmen wohl 15 Jahre dauern. Christchurch muss wirklich eine schöne Stadt gewesen sein, heute erzählt sie nur die Geschichte von Menschen, die ihr Haus, ihre Arbeit und zum Teil ihre Familie oder Teile davon verloren haben. Manchmal alles auf einmal.

Doch um es mit dem Herrn der Ringe zu sagen, der mich ja so schon auf dieser Reise begleitet: „Not all hope is lost“. Die Kiwis hat das Erdbeben enger zusammengeschweißt. Der neue Geist der Stadt ist zu spüren und bestimmt wird das internationale Flair zurückkehren. Für mich ist Christchurch schon jetzt eine Stadt des Wiederaufbaus, denn ein Service-Center dort kümmert sich um meine Digitalkamera, die ich unvorsichtigerweise habe fallen lassen und deren Objektivverschlus nun kaputt ist. Das Ersatzteil würde drei Wochen Lieferzeit beanspruchen und wäre recht teuer, die Jungs vom Service-Center sind aber pragmatisch und haben vorgeschlagen, schlicht den Objektivschutz zu entfernen und die Kamera dann in Deutschland wieder vollständig reparieren zu lassen, wenn ich das möchte. Also habe ich mir eine Ersatzkamera von Fuji zugelegt, mit der ich auch im Wasser bzw. Unterwasser Fotos machen kann. Und meine Reisezoom-Kamera von Sony, die mir gute Dienste geleistet hat bisher, hole ich auf dem Rückweg wieder in Christchurch ab.

Nachdem wir einige unserer Reiseteilnehmer am Vormittag beim Surfen bzw. beim Surftraining am Strand beobachten konnten, ging unsere Busreise weiter nach Lake Tekapo. Leider mit einem neuen Bus, der viel kleiner als der vorherige ist und der bei allen Gruppenteilnehmern für großen Unmut sorgt. Murren hilft, denn der Bus wird in Queenstown ausgetauscht und wir bekommen wieder einen größeren Bus. Unser Tour-Guide hat sich da gegen seinen Boss durchgesetzt und obwohl er bei uns ohnehin schon ein Stein im Brett hat, ist er nun in der Gunst aller noch höher angesehen. Zudem war er auch der Surflehrer am Strand, denn früher war er einmal ein fast professioneller Surfer in Neuseeland. Konnte man dann auch recht schnell sehen, was er drauf hat. Ich selbst habe lieber vom Strand aus zugeschaut, mir war nach Faulheit und geordnetem Abhängen. Um den Rest des Tages kompakt zu halten und weil es der Wahrheit entspricht: Von Lake Tekapo haben wir alle nicht viel gesehen. Zu spät kamen wir an, sind dann schnell zu den dortigen Hot Pools gefahren (worden), um die von der Beengtheit des neuen Busses angespannten Muskeln zu lockern und anschließend mit dem Sonnenuntergang in den Bergen zum Abendessen gegangen. Licht aus. Applaus. Nach Haus.