TranzAlpine nach Christchurch

Schon im Vorfeld meiner Rundreise war mir klar, dass die Fahrt mit dem TranzAlpine zu einem meiner persönlichen Highlights werden würde. Vielleicht liegt es daran, dass eine meiner Kindheitserinnerungen mit einer Bahnfahrt mit meinem Vater zusammenhängt und ich schon immer gerne mit der Bahn gefahren bin. Andererseits liegt es sicher auch daran, dass diese Bahnstrecke durch ein Gebiet der neuseeländischen Alpen führt, wo keine Straße entlang führt und an der Aussicht, die sich Bahnreisenden auf dem Stück zwischen Greymouth und Christchurch erschließt. Nicht ohne Grund zählt die TranzAlpine-Strecke zu den zehn schönsten Bahnstrecken der Welt, sofern man den einschlägigen Werbeaussagen Glauben schenken darf. Wie ich finde darf man das, ich bin jedenfalls „geflasht“, wie man neudeutsch so schön sagt. Und das liegt sicher nicht am Organisationstalent von Kiwirail, die es glatt geschafft haben, in einem fast leeren Zug ein heilloses Chaos anzurichten. Doch der Reihe nach, dann bleibt nach hinten raus mehr Platz für Aus- und Abschweifungen.

Nach unserem Aufbruch und der letzten gemeinsamen Busreise von Franz Josef aus über Hokitika hin nach Greymouth, stand am Ende dieser Etappe die Reise mit dem TranzAlpine, von der ich eingangs berichtete. Das Wetter in Franz Josef war auch zum Abschied wieder unfassbar sonnig und das, obwohl es dort laut Reiseführern und Einheimischen wirklich immer regnet. Den Regen erwischten wir dann kurz vor der Westküste und er blieb uns fast durchweg bis Greymouth erhalten – keine guten Aussichten für eine Bahnreise, wenn alle Berge in Nebel, Wolken und Regen verschwinden. Dennoch passte der Regen irgendwie zum Gemüt aller Gruppenteilnehmer, denn am Ende der Etappe stand für einige schon der Abschied und mit Christchurch das Ende unserer Reise an. Kurz hinter dem Arthur’s Pass und nach achtkommafünf Kilometern Tunnel dann die Überraschung: Statt regnerischer fünfzehn Grad nun strahlende Sonne, blauer Himmel und dreißig Grad. Wann habe ich zuletzt gesagt, dass ich Neuseeland für seine Abwechslung liebe? Ich kann mich da gar nicht oft genug wiederholen. Der Wetterumschwung kam gerade recht, denn das schönste Stück der Strecke folgt genau hinter dem Tunnel und die Aussichten sind derart beeindruckend, dass sie mit Worten allein nicht hinreichend beschrieben werden können. Ich halte es daher mit Rilke, der in vielen seiner Werke anprangerte, dass die Menschen den Dingen immer Namen geben müssen und sie damit umbringen. Es gibt keinen Namen für soviel Schönheit, für soviel Blau im Himmel, für derart schroffe Berge und endlose Hochgebirgsplateaus. Ganz sicher ist es eine der schönsten Bahnstrecken und nicht umsonst gibt es zwischen den vollklimatisierten Panorama-Waggons noch Aussichts-Waggons, wo man hinaustreten und ganz ohne Fenster die Landschaft, die Luft und überhaupt alles in sich aufsaugen oder eben fotografieren kann. Letzteres habe ich mit meiner Ersatzkamera leider nur unzureichend hinbekommen, aber es gibt dennoch ein paar Eindrücke, die vielleicht ansatzweise zeigen können, was ich mit Worten nicht erklären kann und will.

TranzAlpine und Christchurch

Und dann wieder Christchurch. Endlich habe ich meine Sony-Kamera zurück. Zwar ist der Verschluss nicht repariert, aber entfernt und ich kann die Kamera wieder vollständig einsetzen, muss halt nur aufpassen, dass ich nicht ständig auf die Linse patsche. Nun habe ich also zwei Kameras zur Auswahl, begleitet hat mich durch Christchurch aber meine Sony. Genug Schleichwerbung, zurück zum Inhalt. Bis auf drei Gruppenteilnehmer, mich eingeschlossen, sind heute alle abgereist und das mit unterschiedlichen Zielen. Weiterreise in andere Länder, Heimreise oder auf zu neuen Ufern, sei es beruflich oder im Studium. Ich bin froh, all diese Menschen kennengelernt und mit ihnen ein Stück gemeinsame Reise zurückgelegt zu haben. Viele Eindrücke bleiben zurück und fast genauso viele Fotos. Und die Gewissheit, dass Facebook, Instagram und Co. dafür sorgen, dass man auch weiterhin informiert und in Verbindung bleibt. Vielleicht ist Christchurch der richtige Ort für Abschiede, die Stadt wirkt zuweilen wie ausgestorben, dann plötzlich aber auch wieder unfassbar ermutigend und lebendig. Eine Stadt im Aufbruch, ganz so wie ich auch. Ich habe die Traurigkeit des ersten Besuchs heute ein wenig abschütteln können und die Innenstadt von ChCh besichtigt. Die Menschen machen einfach weiter. Auch wenn die Haupteinkaufsmeile komplett vernichtet wurde: Egal, bauen wir alt eine improvisierte Einkaufsmeile aus Containern und machen aus der Not eine Tugend. Ganz ehrlich, ich kenne Einkaufsstraßen in Deutschland, die weitaus hässlicher sind und für die ich mir eine Container-Einkaufsmeile wünsche, nur bitte ohne Erdbeben – das muss niemand haben. Ich selbst verabschiede mich auch von Christchurch und werde noch einmal in den Süden reisen. Eigentlich wollte ich nach Timaru, um dort eine wichtige Mission zu erfüllen und einer besonderen Person eine Postkarte von dort zu schicken. Leider klappt das nicht, da ich keine Übernachtungsmöglichkeit finden konnte – nur ein extrem ranziges Hostel, das 21% Zufriedenheit erzielt hat und wo es wohl allerhand Ungeziefer gibt. Leider werde ich somit nur aus dem Fenster des Busses nach Dunedin heraus ein Foto machen und dieses hoffentlich als Postkarte ausdrucken und verschicken können. Ich trage auch in meinem Rucksack noch immer die Postkarten aus Queenstown mit mir herum – wird Zeit für das Alleinreisen, dann komme ich wieder mehr zur Ruhe und mehr zu mir. Übrigens reise ich nun mit deutlich weniger Ballast – sowohl seelischer, als auch physischer. Ich habe heute 11kg unnötiges Gepäck zur Post getragen und Richtung Deutschland verschickt. Nächstes Mal packe ich direkt weniger Kram ein, soviel ist sicher. Aber wer konnte auch ahnen, dass es auf der Südinsel dann doch noch Sommer wird? Ich freue mich und das in doppelter Hinsicht. Morgen also dann Dunedin, da muss ich doch direkt wieder an den Herrn der Ringe denken, denn Aragorn gehört den Dúnedain an – die Ähnlichkeit der Worte ist schon frappierend, ich bin aber zu wenig Tolkien-Kenner, um die Genese des Wortes und dessen Herkunft analysieren zu können. Mir reicht daher meine phantastische Mutmaßung, auch wenn sie mit der Auswahl des Reiseziels nichts zu tun hat.