Dunedin

Nun geht es also wieder alleine weiter, nachdem ich etwas mehr als zwei Wochen lang Neuseeland in einer Gruppe erleben durfte, muss ich meine Route nun wieder alleine planen und verfolgen. Mein erstes eigenes Reiseziel ist Dunedin, die erste Universitätsstadt Neuseelands. Für mich ist sie nur Zwischenstation auf meinem Weg an den südlichsten Zipfel Neuseelands, also nach Bluff, etwas südlich von Invercargill. Möglicherweise setze ich sogar noch nach Stewart Island mit dem Rakiura Nationalpark über, das hängt ein wenig vom Wetter und meiner weiteren Reiseplanung ab … es steht nicht ganz oben auf meiner Liste, um es mal so zu sagen. Es wäre sozuagen nur dazu da, um den südlichsten Punkt meiner bisherigen Reisebemühungen noch ein Fitzelchen weiter nach Süden zu verschieben und somit der Antarktis ein wenig näher zu kommen. Mit echter Reiselust und einem besonders sehenswerten Ziel hat das nichts zu tun, mich reizt der Norden mehr.

Dunedin

Hier in Dunedin spürt man deutlich, dass die Stadt von der Jugend abhängig ist. Von der lern- und trinkwilligen Jugend, um es genauer zu sagen. Tagsüber lernen an der Universität und den zahlreichen Colleges, nachts ausgelassenes Feiern in allen möglichen Parks, Kneipen und sonstigen Locations. Gerade ist Einführungswoche an der Uni, da bricht die Stadt aus allen Nähten. Überall wird für Events und Lehrveranstaltungen geworben, überall sind Firmen unterwegs, um Flyer und Give-Aways an die Studenten zu bringen und ganz Dunedin wirkt wie ein übergroßer Ameisenhaufen – leicht chaotisch für das ungeübte Auge, aber beim genaueren Hinsehen offenbart sich dann doch eine Logik, die alles zusammenhält. Nachdem ich im Bus bzw. kurz vor der Abreise die Bekanntschaft einer älteren Dame gemacht hatte, wurde ich von ihr recht schnell in die Sehenswürdigkeiten von Dunedin und ein paar Fakten zur Stadt eingeweiht. Die Tipps waren durchaus wertvoll, denn so habe ich mir jede Menge unnötiger Kilometer gespart und diese lieber in sinnvolle Sehenswürdigkeiten investiert. Dunedin hat unfassbar viele alte Gebäude, die sehr prachtvoll gestaltet sind und davon zeugen, dass die Stadt einmal sehr wohlhabend gewesen sein muss. Heute ist das wohl nicht mehr unbedingt der Fall, auch wenn nach meinem Befinden Dunedin die bisher attraktivste größere Stadt in Neuseeland ist. Ein wenig scheint mir Dunedin eine Mischung aus dem Nachtleben Christchurchs, der hügelartigen Ansiedlungen Wellingtons und der Kompaktheit Queenstowns zu sein – womöglich ist auch ein Teil Auckland im Spiel, aber ich selbst habe Auckland ja nur eine Nacht lang bisher erlebt, daher kann ich hier nur mutmaßen. Überhaupt sind ja meine Schnelleinschätzungen nur Momentaufnahmen meiner eigenen Einschätzung – das halt, was mir so durch den Kopf geht, während ich hier umherreise.

Nachdem meine Erfahrungen mit dem Bus in Australien ja nicht immer die besten waren, gebe ich nun dem Busreisen in Neuseeland erneut eine Chance. Die Website von nakedbus.com macht schonmal einen positiven Eindruck, der Name des Unternehmens ist allerdings nicht Programm, denn niemand reist dort nackt. Ich konnte die lüsternen Blicke förmlich spüren, also bitte etwas mehr Contenance beim Lesen! Naked steht hier im Zusammenhang mit puristisch, also auf das Wesentliche beschränkt. Eine Toilette an Bord der Busse sucht man vergeblich, in einzelnen Regionen wird gerade mit Gratis-WiFi experimentiert. Viel Beinfreiheit, nette Busfahrer und ein günstiger Preis sowie Pünktlichkeit und gute Bewertungen der Reisenden waren für mich die Entscheidungskriterien und nach meiner Reise über sechs Stunden von Christchurch nach Dunedin kann ich sagen, dass mir das Reisen mit dem Bus in Neuseeland schonmal besser gefällt als in Australien. Es gibt auch mehr zu sehen, wenn man möchte – die neuseeländischen landschaftlichen Schönheiten hören ja nicht einfach so auf, nur weil meine Rundreise zu Ende ist. Ich kann mich noch immer jeden Tag für die abwechslungsreichen Landschaften und die Überraschungen hinter jedem Hügel oder jeder Kurve begeistern. Heute führte die Reise durch einen Ort, der für mich besonders ist, weil ich dazu eine Abschweifung schreiben kann: Timaru. Eigentlich hatte ich sogar geplant, dort einen Zwischenstopp einzulegen, aber sämtliche Unterkünfte sind derart schlecht bewertet, dass ich nach langer Recherche beschlossen habe, nur auf der Durchreise zu sein. Besonders sehenswert erschien mir Timaru auch nicht, es ist eine Industriestadt, die zwar einen ganz netten Ortskern hat, aber dem Charme von Dunedin nicht gewachsen ist. Was Timaru so besonders macht, ist die Tatsache, dass ich in jungen Jahren meine Verwandten in Schottland besuchen und dort in einem Haus mit dem Namen Timaru wohnen durfte. Das Haus wurde zuvor von Neuseeländern bewohnt, wenn ich mich recht erinnere, die eben aus Timaru kamen. Und wenn es nicht so war, werde ich bestimmt per E-Mail korrigiert, aber das werde ich hier nicht verraten, denn auch so ist es eine schöne Geschichte. Auch in Neuseeland haben einige Häuser einen Namen, zumindest auf dem Campus-Gelände der Universität und darum herum. Hier wohnen die Studenten zuweilen in großen mehrstöckigen Gebäuden, oder aber in niedlichen kleinen Häusern mit WG-Charakter. Oftmals erinnern die Bereiche vor den Häusern an eine dauerhafte Sperrmüll-Einrichtung und der Wettbewerb, wer die lauteste Musik hat, scheint ebenfalls eine fest stehende Institution zu sein. Interessanter aber sind die Namen und endlich komme ich dazu, ungestraft Sauereien zu schreiben, denn die Häuser hießen „The Wonderful Penis“ oder „Shag Hut“ und andere lustig-frivole Namen. Dazwischen gibt es dann auch fast schon normale Häusernamen – der Kreativität sind hier kaum Grenzen gesetzt. Im starken Kontrast zu den Sperrmüll-Sessel-Tisch-Ansammlungen vor den Häusern präsentiert sich übrigens das Universitätsgebäude von anno dazumal. Es ist im gleichen Stil erbaut, wie der Bahnhof oder das ehemalige Stadthaus im Zentrum. Und wo wir gerade beim Bahnhof sind: Gerüchte besagen, dass es das am häufigsten fotografierte Gebäude Neuseelands ist. Ich glaube nicht wirklich, dass es so ist, aber es ist in jedem Fall ein Foto wert. Züge fahren hier tatsächlich auch noch, selbst wenn ich wieder einmal feststellen muss, dass auch Neuseeland nicht das Land der öffentlichen Verkehrsmittel ist. Zwar ist die Gesinnung hier überall sehr grün, dennoch haben Kiwis gerne ein Auto und nutzen es auch.