Absolut steil!

Sollte ich jemals einen Reiseführer über Neuseeland schreiben, dann würden darin für Dunedin definitiv zusätzliche Hotspots auftauchen, die in bisherigen Reiseführern fehlen. Die Universität von Otago hatte ich ja gestern schon erwähnt, dazu gesellen sich heute der Botanische Garten und die Aussicht von einem der umliegenden Hügel auf die Stadt. Der große Vorteil dabei: Dunedin ist von einem Ende zum anderen zu Fuß erwanderbar und bietet auf kleiner Fläche wirklich viel, insofern stimmt meine gestern bemühte Analogie zu Queenstown umso mehr. Hier allerdings werden eher die seniorigen Reiselustigen bedient, daher gibt es fast nichts, was den Adrenalinspiegel höher als eine Tasse Kaffee anhebt. Dennoch muss sich Dunedin nicht verstecken, zumal es als Tor zur Otago Halbinsel gilt, die mit zahlreichen Freizeitaktivitäten und Sehenswürdigkeiten lockt – unter anderem mit dem einzigen Schloss in ganz Neuseeland, das den Erbauer Anfang des 20. Jahrhunderts in den Ruin getrieben hat. Dazu gesellen sich Radwege auf alten Eisenbahntrassen und zahllose Wanderrouten sowie einige beeindruckende Ausblicke auf das Meer oder auch beliebte Surf-Spots für die unerschrockenen und kälteresistenten Surfer.

Selbst im Guiness-Buch der Rekorde ist Dunedin vertreten und zahllose Touristen, allen voran Koreaner, Japaner und Chinesen, lockt es daher an diesen einen Ort, der wirklich beeindruckend ist, wenn man im Flachland wohnt. Es ist die steilste Straße der Welt mit einer Steigung von gut 19%. Ich würde jetzt behaupten, dass wir sowas ähnliches in dem Ort haben, wo ich aufgewachsen bin, aber das will nieman hören und wenn man sich die Länge der Steigung hier in der Baldwin Street ansieht, dann ist die Eintragung bestimmt richtig. Die Nebenstraßen können sich übrigens auch sehen lassen, denn sie sind zum Teil länger und noch etwas steiler. Ich kann das mit Gewissheit sagen, denn ich bin zwei Straßen hochgelaufen – die Baldwin Street ist nämlich eine Sackgasse. Und damit die Menschen, die hier mit Bussen angekarrt werden, auch etwas am oberen Ende zu sehen haben, gibt es eine mit Street Art verzierte Ruhebank, von der aus man den Blick nach unten und auf die hochhechelnden Menschen genießen kann. Kaum vorstellbar, dass hier einmal im Jahr ein Rennen stattfindet, bei dem Läufer die gesamte Strecke hoch und wieder hinunter laufen. Ich war schon vom normalen Gehen durchaus angestrengt, aber dann wurde ich von einer trainierenden Läuferin überholt und zwar in einem Tempo, das ich kaum auf der Geraden schaffe. Dass es um meine Kondition nicht völlig schlecht bestellt ist, zeigte dann ein amerikanischer Tourist, der wohl an die zehn Jahre jünger als ich sein mochte. Er röchelte sich langsam gehend den Berg hoch, nur um sich Sekundenbruchteile nach seiner Ankunft oben von seinem Frühstück und auch Mittagessen zu trennen. Für mich das Signal zum Aufbruch und den langen Weg nach unten. Ein Touristenpaar blieb beim Versuch, den Hang mit einem altertümlichen und stotternden Kleinbus zu erklimmen auf halber Höhe liegen, sehr zur Belustigung all jener, die zu Fuß unterwegs waren. Noch schöner war dann das Wendemanöver – eigentlich sollte man hier Eintritt verlangen, ich hatte über eine große Zeit hinweg jedenfalls viel Spaß.

Meinen Rückweg hatte ich dann so geplant, dass er nicht entlang der Hauptstraße, sondern über eine der höherliegenden Straßen im Wohngebiet führen sollte. Mir war schon vorher klar, dass ich somit gleich zweimal den steilen Hang hinaufsteigen müsste, was sich beim zweiten Hang, der gut doppelt so lang war, als durchaus beschwerlich herausstellte. Aber die Mühen haben sich mehr als gelohnt – von oben dann gab es einen wundervollen Ausblick auf Dunedin und schöne, zum Teil recht alte, Häuser in einer ruhigen Nebenstraße. Dieser Straße folgte ich bis zum Botanischen Garten und dort fragte ich mich dann, warum dieser in keinem Reiseführer auftaucht, denn es ist der bislang schönste Garten, der mir persönlich im Laufe dieser Reise untergekommen ist. Prädikat sehenswert. Neben uralten Bäumen und einer sehenswerten Vogliere mit allerlei Papageien aus Neuseeland, Australien und dem Rest der Welt, gibt es viele Ruhemöglichkeiten, die so wunderschön in die Landschaft integriert sind, dass es eine wahre Freude ist. Kein Wunder also, dass Studenten der nahen Universität hier ihre Freizeit verbringen. Ob romantisch, lernend, beim Sport oder mit Freunden – der Botanische Garten wird fast durchweg von jungen Menschen bevölkert, aber auch die waren heute aufgrund der Bewölkung und des ab und an einsetzenden Nieselregens eher spärlich gesät. Für mich war diese fast zweistündige Wanderung durchaus ein Highlight meines Aufenthalts und ich kann jedem diesen Weg nur empfehlen. Aus der Stadt heraus kommt man übrigens zur steilsten Straße der Welt ganz bequem mit dem Stadtbus für kleines Geld und wird direkt bis an den Fuß der Straße gefahren. Vom Octagon aus ist es Buslinie 9 ab George Street, nur um alle Details auszuplaudern.

Eigentlich hatte ich vor, von Dunedin aus in Richtung Norden zu fahren und mir zu diesem Zweck einen Mietwagen auszuleihen. Da das Wetter aber nicht mitspielte, habe ich auf die Moeraki Boulders verzichtet – die kann man sich auch prima bei Flickr und Co. ansehen. Naja, nicht wirklich – aber da sind tolle Fotos dabei, die mir zeigen, dass ich ein paar Runde Steine im Wasser verpasst hätte – eventuell wäre sogar Flut gewesen und mein Ausflug für die Füße. Stattdessen habe ich mich heute mit der Frage auseinandergesetzt, ob ich mir die Speight’s Brauerei ansehen soll und mich dagegen entschieden. Für 25 NZD kann ich mir lieber ein paar Flaschen Speight’s kaufen, ist hier definitv das beste Bier neben Tui, wobei ich persönlich ja Cider favorisiere. Da bin ich dann auch traditionell orientiert, denn Cider gibt es hier in allen möglichen und unmöglichen Geschmacksrichtungen. Da muss ich an mein Lieblingsbuch „Das Känguru Manifest“‚ denken, genauer gesagt an die Geschmacksrichtung „Dragonfruit-Bärlauch“ – so ähnlich kommt mir das hier beim Cider auch vor. Aber die Neuseeländer sind ohnehin recht kreativ, wie ich vermute. Das manifestiert sich auch in dem Baustil einzelner Häuser, bei denen ich nicht selten den Eindruck habe, dass das Motto lautet: „Wir bauen das einfach mal so.“ – mir persönlich gefällt das gut, aber es wirkt halt so herrlich bizarr und ungeordnet. Eine Wohltat für mein ordnungsverwöhntes deutsches Auge.