Pottwal, da bläst er!

Eigentlich wollte ich meinen heutigen Beitrag ja so beginne, wie Herman Melville seinen Erfolgsroman „Moby Dick“ dereinst begonnen hat. Mit dem weltberühmten Satz „Nennt mich Ismael“. Ich habe mich aber dagegen entschieden, denn zum einen haben die meisten Menschen bereits Mühe, meinen wirklichen Vornamen richtig auszusprechen, vor allem hier in Neuseeland (und auch in Australien) – das würde mit Ismael nicht einfacher werden, fürchte ich. Zum anderen wäre es schlicht und ergreifend ja nicht die Wahrheit und bei der möchte ich dann doch lieber bleiben. Und last but not least soll es ja keine Melville-Kopie werden und schon gar kein blutiger Walfänger-Bericht. Nennt mich also nicht Ismael. Etwas hat mein heutiger Whale-Watching-Trip dann aber doch mit den Abenteuern von Moby Dick gemeinsam: Es geht um Wale und um Abenteuer. Und jedes Abenteuer startet mit einem Abenteuer. Meines begann heute damit, dass sich Whale Watch Kaikoura prinzipiell vis à vis der Dusky Lodge befindet, was angesichts des frühen Termins um 7.15h durchaus einen Zeitvorteil hinsichtlich des späteren Aufstehens mit sich brachte. Aber nur prinzipiell, denn um dorthin zu gelangen, muss man über die Bahngleise und dorthin führt eine Straße, zu deren Abzweigung es schon ein gutes Stück ist und dann müsste man den Weg wieder zurück laufen. Nun gibt es hier aber keine Bahnbeamten, die ständig „Runter von den Gleisen“ rufen und wichtigtuerisch mit den Händen wedeln, weil das ja alles ist, was ihnen in einem tristen Arbeitsalltag voller Routine mitunter bleibt (und weil es so in den Vorschriften steht). Dummerweise sind die Bahngleise aber allesamt mit einem hohen Maschendrahtzaun umgeben. Offensichtlich ist es jedoch so, dass Neuseeländer ebenso lauffaul sind, wie ich und den direkten Weg suchen. Deshalb ist ein Loch im Zaun, durch das man steigen kann und über die Bahngleise direkt zum Bahnhof und somit zu Whale Watch Kaikoura gelangt. Glücklicherweise habe ich ein paar Kilo auf meiner Reise verloren, sonst hätte ich durch das Hobbit-Loch im Zaun sicherlich nicht durchgepasst. So aber klappte es und ich war einige Minuten zu früh dran – ein Glücksfall, wie sich später herausstellen sollte. Denn auch wenn 7.15h für den Trip angesetzt war, galt das nur für das Vor-Ort-Sein und nicht für die Abreise. Zuvor sollte noch die erste Gruppe des Tages, die für 6.45h bestellt war, ablegen und zwar um 7.15h – ich wäre somit um 7.45h an der Reihe gewesen. Durch meine Zaun-Abkürzung gelangte ich aber auf die zweite Stelle der Nachrücker-Liste, falls für den ersten Trip kurzfristig jemand absagen sollte. Und genau das passierte. Dummerweise waren die ersten Kunden der Nachrücker-Liste wohl offensichtlich beim Kaffeetrinken, so dass nach mehrmaligem Aufrufen dann deren Name gestrichen und meiner ausgerufen wurde. Yippieh! Manche Abenteuer sind eben glückliche Abenteuer und das heutige zählt ganz sicher dazu – nicht nur wegen des Abenteuer-Abenteuers gleich zu Beginn.

Whale Watching in Kaikoura

Traumhaftes Wetter und ein wundervoller Sonnenaufgang direkt am Strand warfen ihre Schatten voraus, eigentlich aber hinter mich, denn ich konnte meinen Blick während des Wartens auf die Abfahrt des Busses zu den Booten kaum von diesem Naturspektakel in allen warmen Farbtönen des Gelb-Rot-Blau-Bereichs losreißen, so dass die langen Schatten hinter mich fielen. Ein wenig symbolisch vielleicht und als Metapher ganz gewiss überstrapaziert, mir ist hier einfach kein Kunstgriff zu billig, um nicht doch den Weg in das geschriebene Wort zu finden. Und natürlich, um nochmal gekonnt oder gewollt abzuschweifen – je nach Facon. Eines jedoch konnte das traumhafte Wetter nicht erledigen, nämlich den Wellengang auf dem offenen Meer zu beruhigen. Nach wie vor, wie schon beim Delfinschwimmen gestern, bietet der Pazifik kein ruhiges Pflaster. Wer spiegelglatte Wasseroberflächen sucht, muss von Riffen geschützte Bereiche aufsuchen, vor Kaikoura gibt es dergleichen höchst selten im Jahr, wie ich seit heute weiß. Also hamsterte ich in meinem Magen wiederum ein paar Ingwer-Tabletten gegen aufkommende Seekrankheit und los ging es mit Kaikouras schnellstem Walsichtungs-Katamaran, der es immerhin auf gut 30 Knoten bringt und von zwei Scania-V8-Motoren angetrieben wird. Oder um es mit den Worten der Erklärbär-Tante unserer Tour zu halten: „Wenn Sie die technischen Details nicht verstanden haben, merken Sie sich einfach, dass dies ein sehr sehr schnelles Boot ist.“ Das stellte der Kapitän dann auch gleich mal unter Beweis und mich Höchstgeschwindigkeit jagten wir durch und über die Wellen, so dass ich schon nach wenigen Minuten froh war, soviel Ingwer im Körper zu haben. Einigen Mitreisenden blieb nur der geräuschvolle Kommentar in die mitgelieferten „Sagen Sie uns Ihre Meinung zu dieser Reise“-Papiertüten, die international für derartige Fälle vorgehalten werden. Nunja, ist ja nicht so, dass man plötzlich von dieser Reise überrascht wird, aber das ist wohl, wie mit Weihnachten: Zack, plötzlich ist es da und man war so gar nicht darauf vorbereitet und nun muss man Topflappen, Socken oder Schlips verschenken. Oder in Papiertüten kübeln. Ich habe mich dahingehend auch heute in vornehmer Zurückhaltung geübt und mich stattdessen lieber den schönen Seiten der Reise zugewandt. Zugegeben, ganz leicht war das nicht, aber ich war auch im Bug des Schiffes, was ich als kleinen Tipp von bereits Walsichtungs-Reisenden mitgenommen hatte, denn von dort ist man am schnellsten an den Türen und im Außenbereich, wenn denn Wale gesichtet werden. Ein lohnenswerter Tipp, den ich hiermit offiziell weitergegeben habe. Kann man sich aber mit etwas Nachdenken auch selbst erschließen. Dummerweise ist es aber so, dass man im Heck ruhiger sitzt und vom Wellengang weitaus weniger geschüttelt wird, was wiederum besser bei Seekrankheit ist. Schwierige Entscheidung. Nicht für mich, ich saß ja vorne.

Bereits wenige hundert Meter vom Strand entfernt, hörten wir von einem Crewmitglied dann die Nachricht an den Kapitän, dass sie einen Wal gesichtet habe und so flogen wir mit Top-Speed über die Wellen, zogen einen großen Bogen und postierten uns längsseits zum Wal, der dann auch prompt eine Wasserfontäne bließ und damit seine Position schräg vor uns signalisierte. Beeindruckend. Während die Fluke in großer Entfernung gestern für einen kleinen Schauer der Vorfreude bei mir gut war, verwandelte sich nun meine Haut zu Gänsehaut und ein Dauergrinsen meißelte sich in mein Gesicht. Bis auf gut zwanzig Meter waren wir an den Pottwal, der eine Gesamtlänge von 19 Metern hat, auf den Namen Tutu (ein Kosename für Tutumairekurai, dem maorischen Wort für „besonderer Meeresbewohner“) hört und die angeblich schönste Fluke vor Kaikoura hat. Und die bekamen wir dann auch kurz darauf zu sehen. Wenn ein Pottwal die Fluke nach oben schwingt, dann hat er zuvor beim mehrmaligen Ausblasen und dem damit verbundenen Befüllen seiner Lungen unter anderem an der Wasseroberfläche die 2,5 Tonnen flüssigen Öls in seinem Vorderkopf zu einer wachsartigen Substanz ausgehärtet und stößt mit einem einzigen Flukenschlag und der gekrümmten Abwärtsbewegung in die Tiefe. Und das derart schnell, dass der Pottwal innerhalb von acht Minuten auf eine Tiefe von 2000m abtauchen kann. Das schafft kein Tauchboot, das können nur Pottwale, die auch sonst einige Rekorde und Besonderheiten bieten. Es sind Zahnwale, die sich von ganzen Haien oder vorzugsweise Riesen-Tintenfischen ernähren. Letztere sind auch die einzigen echten Bedrohungen für Pottwale, die übrigens im Englischen aufgrund einer Fehlannahme „Sperm Whales“ heißen. Mit einer Länge von gut zwölf Metern können Riesenkraken einen Pottwal umschlingen und mit den scharfen Schnäbeln schwer verletzen. Im vergangenen Jahr tauchte einer der vor Kaikoura ansässigen Pottwale auf und hatte noch einen riesenhaften Tentakel eines Tintenfisches an seiner Finne hängen – ein seltenes Erlebnis. Merkwürdiger fand ich allerdings die Tatsache, dass Pottwale ganze vier Meter lange Haie am Stück verschlingen. Sie inhalieren diese einfach, denn sie haben nur eine Zahnreihe, die eher zum Festhalten von Beute ist. Diese wird dann als Ganzes verschluckt und verdaut. Ich werde mir nie wieder vorwerfen lassen, ich würde schlingen – ich esse einfach nur, wie ein Pottwal, basta.

Dummerweise ist es aber so, dass ein Pottwal für gut 40 Minuten unter Wasser bleibt. Liebe mitlesenden Kinder, versucht das bitte NICHT zu Hause in der Badewanne! Wale sind darauf spezialisiert und Menschen sind es nicht. Nur der Vollständigkeit halber. Somit geht der Weltrekord im Luftanhalten auch an den Pottwal, ebenso wie der tiefste Tauchgang, denn diese Säuger können bis zu 3000m und mehr in die Tiefe tauchen. Nur eben nicht vor Kaikoura, da der Graben hier „nur“ 2000m tief ist. Nun dauert so eine Whale-Watching-Tour etwa zwei Stunden, wovon gut 20 Minuten für die Fahrt aufs Meer und 20 Minuten für die Fahrt zurück kalkuliert werden müssen. Macht also noch 80 Minuten Restzeit. Jetzt könnte man warten, bis der Wal wieder auftaucht, oder aber mit einem Hydrophon lauschen, ob noch andere Wale in der Nähe sind. Die Wale werden hier weder mit Echolot (was ihr eigenes Navigations-System durcheinanderbringen würde) geortet, noch angefüttert und damit angelockt. Alles ist rein freiwillig und ganz natürlich. Mit Hilfe des Hydrophons konnte unser Kapitän dann zwei weitere Wale ausfindig machen, die ganz in der Nähe waren – ein unvorstellbares Glück, wenn ich an die vielen Geschichten anderer Teilnehmer denke, die mir berichtet haben, gerade mal eine Walsichtung nach langer Wartezeit gehabt zu haben und maximal 20 Sekunden einen Wal gesehen zu haben. Das ist immer noch besser, als wenn man gar keinen sieht oder nur aus weiter Entfernung, aber dennoch frustrierend. Wir hatten drei Walsichtungen. Zweimal Tutu und einmal Tiaki, der hier sozusagen der Platzhirsch ist und andere Wale immer wieder aus seinem Revier vertreibt. Denn eines muss man über diese Semi-Resident-Whales wissen: Es sind allesamt Wal-Bullen, die gut vierzig Jahre alt werden und deren einzige Aufgabe es ist, groß und kräftig zu werden und mindestens vierzehn Jahre alt, bevor sie in die Südsee ziehen und sich mit den deutlich kleineren Weibchen paaren können, die ständig in warmen Gewässern leben, weil sie weitaus weniger Fettanteil an ihrem Körper aufweisen und somit die Wassertemperaturen vor Kaikoura oder der Antarktis nicht aushalten könnten. Tutu beispielsweise lebt seit 24 Jahren vor der Küste Kaikouras und denkt offensichtlich nicht wirklich daran, wegzuziehen. Er vergnügt sich mit täglich mindestens 1,5 Tonnen Frischfisch und lässt sich von Touristen aller Art ablichten. Warum auch nicht. Nun hatte ich von drei Walsichtungen gesprochen, was ja auch stimmt. Einen Wal, offensichtlich ein Zwergwal, hat uns die Tourleiterin nach der dritten Sichtung aber verschwiegen, ich habe ihn aber dennoch aus dem Bootsfenster gesehen und mir im Anschluss an den Trip von ihr bestätigen lassen. Denn nach den Walen stand noch ein Ausflug zu den Delfinen auf dem Programm. Und zwar nur für uns, die wir auf dem ersten und schnellsten Boot waren, danach „gehört“ dieser Spot den Delfinschwimmern, zu denen ich ja gestern gehörte. Da sind die Reviere hier klar abgesteckt. Wir waren aber früh genug dran und so konnte ich noch einmal die wunderschönen und heute noch verspielteren Dusky Dolphins aus der Nähe bewundern. Und fotografieren. Mir ist dann sogar ein Schnappschuss geglückt, der wohl recht selten ist: Ein Delfin beim vollständigen Salto, dem sogenannten Somersault. Den können wohl nur wenige Delfine und man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Ein Motto, das heute für den gesamten Tag gilt und dem ich unvergessliche Momente auch abseits der Kamera verdanke.