Cook Strait Abenteuer

Auf nach Norden, in die Wärme. Klingt unlogisch für ungeübte europäische Ohren, dabei ist es ja eigentlich ganz einfach. Während sich auf der Nordhalbkugel der Äquator südlich befindet, ist es wundersamerweise auf der Südhalbkugel genau umgekehrt. Folgerichtig ist es hier in Richtung Süden, also zur Antarktis hin, kühl und im nördlichen Teil Neuseelands wärmer. Das zeigte mir in den vergangenen Wochen auch der Wetterbericht, wenngleich ich mich über das Wetter auf der Südinsel nicht beschweren kann. Gerade in den letzten Tagen war ich im Abel Tasman und in Motueka von der Sonne verwöhnt. Kein Wunder eigentlich, denn diese Region und ganz speziell Motueka und Nelson haben die meisten Sonnenstunden ganz Neuseelands. Für Freunde der einfachen Statistik: Es sind rund 2750 Sonnenstunden im Jahr, was in ungefähr den Regenstunden in Franz Josef entsprechen dürfte. Beides Südinsel, allerdings einmal im Norden (Sonne) und einmal im Süden (Regen). Ich denke, damit habe ich meinen Wetterstandpunkt klar gemacht und auch die geografisch-klimatischen Unterschiede zwischen Europa und Ozeanien herausgearbeitet. Was ich auch eigentlich nur sagen wollte: Der Herbstanfang hier in Neuseeland und Temperaturen um die 15 bis 19 Grad am Tag sowie zum Teil knapp über Null in der Nacht haben mich dazu bewogen, meine letzten Wochen auf der Nordinsel zu verbringen, wo es im Schnitt zum Teil gute zehn Grad wärmer ist.

Also packte ich nach meinem Kajak-Abenteuer noch meine Tasche, um morgens in der Dämmerung meinen Bus in Richtung Picton zu bekommen. Ich muss nach wie vor immer noch beim Namen „Naked Bus“ schmunzeln, weil ich immer denke, dass die Menschen an Bord ja nackt sein müssen. Das denkt hier auch jeder, der das zum ersten Mal liest. Glücklicherweise sind meine Gedanken also genauso schmutzig, wie die meiner Mitmenschen – deshalb sind wir wohl auch alle hier in Neuseeland gelandet. Übrigens bin ich nicht der Wanderer aus Krefeld, dessen Rucksack in den neuseeländischen Alpen gefunden wurde und der als vermisst gilt. Ich hoffe jedoch, dass ihm nichts passiert ist – hier passieren häufiger solche Dinge und die Personen tauchen dann an ganz anderen Orten wieder auf. Die Schauergeschichten, die man sich sonst in den Hostels erzählt, verbreite ich hier nicht, ich orientiere mich lieber an dem, was man in der Tageszeitung nach ein paar Tagen liest. Denn die Nachrichten hier sind ja nicht wirklich immer seriös. Das geht schon beim extrem saloppen Stil los (ich befinde mich übrigens gerade in einer Abschweifung, nur um das nochmal deutlich zu machen), zieht sich über die kreative Themenauswahl und geht bis hin zu durchaus fabulativen Formulierungen. Nicht zu vergessen natürlich dem bereitwilligen Abkürzungswahn. Immer noch schockt mich die Tatsache, dass Radio-, Fernseh- und Print-Nachrichten gleichermaßen alles mögliche abkürzen. Von Ambu für Ambulance bis hin zu ChCh für Christchurch. Daher wartet man besser einige Tage, um die Faktenlage wirklich herausfiltern zu können. Oder man liest internationale Online-Nachrichten, idealerweise BBC oder dergleichen. Dort wird man in der Regel besser informiert, aber weniger gut unterhalten. Eigentlich lese ich hier im Café gerne die Tageszeitung, weil dort über Toiletten als Touristenattraktion oder über die Farbe von Bussen auf der Titelseite diskutiert wird. Ein Land, dessen Sorgen in diesem Bereich anzusiedeln sind, ist mir von Grund auf sehr sympathisch. Die Farbe des Naked Bus ist übrigens weiß mit schwarz und steht nicht zur Diskussion. Und fragwürdig ist er ja auch nicht, hatten wir ja alles schon zu Beginn meiner Privaterkundungen dieses Landes. Auf nach Picton also. Schon an der Bushaltestelle dann die erste Überraschung: Meine Kajakmitfahrerin, die eigentlich in die entgegengesetzte Richtung (Westküste) wollte, kam nach einiger Zeit auch an den Bus, um an der ersten Haltestelle wieder umzusteigen. Man trifft hier einfach ständig Menschen wieder, das Land ist unfassbar klein, was sich gleich noch viel deutlicher zeigen wird. Spannungsbogen aufbauen, mein ehemaliger Deutschlehrer wäre sicher stolz auf mich. Kann ihm bitte jemand meine Blog-URL weiterleiten, vielleicht hat er ja Internet.

Auf dem Weg nach Picton erfuhren wir dann von der freundlichen Busfahrerin (es gibt hier übrigens fast mehr Busfahrerinnen als Busfahrer), dass seit gestern keine Fähren zwischen Wellington und Picton sowie umgekehrt verkehren, weil an der Ostküste der Südinsel ein heftiger Sturm tobt und weite Teile Canterburys unter Wasser gesetzt bzw. andere Schäden angerichtet hat. Entsprechend hohe Wellen in der Cook Strait waren für den Fährverkehr zwischen der Nord- und der Südinsel extrem kontraproduktiv. Früher hätte ich mir an dieser Stelle Sorgen gemacht. Um meine Fähre und das Fährticket, um mein gebuchtes Hostel in Wellington, um meine Gesundheit, mein Bankkonto und anderes Gedöns. Statt dessen blinzelte ich aus dem Fenster in die Sonne und dachte mir nur, dass sich schon irgendwas ergeben würde. No worries. Und außerdem saß ich ja eh schon im Bus und war auf dem Weg nach Picton. Also genoß ich den Zwischenstopp in Nelson, um mir, bedingt durch meine senile Bettflucht am heutigen Tag, ein spätes Frühstück im The River Kitchen einzuverleiben. Glutenfrei, vegetarisch, herausragend – so die kurze Zusammenfassung. Manchmal muss man auch wie ein Fürst leben, selbst wenn man Backpacker ist. Jaja, ich weiß – das macht mich direkt zum Flashpacker, mea culpa. Nach der kurzen Frühstückspause in Nelson, die übrigens durch den Umsteigerhythmus von Naked Bus bedingt war oder ist, ging es dann über Blenheim weiter nach Picton. Leider mit dem Effekt, dass das Wetter immer schlechter wurde und in Picton dann sogar Regen und Kälte auf uns warteten. Ich muss jetzt noch kurz einschieben, dass ich bei Blenheim immer an Cavalier King Charles Spaniel denken muss, dort gibt es auch eine Geschmacksrichtung „Blenheim“, für die Freunde der koreanischen Küche. Mir fällt schlichtweg der Fachbegriff für diese Färbung nicht ein – ist es Färbung? Zuschriften bitter per E-Mail wie immer an die wissbegierige Chefredaktion des Blogs.

Picton. Regen. Wind. Fähre. Wellington. Diese fünf Eckpfeiler bestimmten den schicksalhaften weiteren Verlauf des Tages. Wie gesagt, alle Fähren bis um elf Uhr vormittags waren abgesagt worden, der Seegang mit Wellen von über 18 Metern deutlich zu stark für eine Überfahrt. Das Fährterminal von Menschen umlagert und die Webseite mit aktuellen Informationen langsam. Der Zettel am Eingang verhieß auch nichts Gutes, denn im Prinzip ruhte alle Hoffnung auf den Ankündigungen gegen Mittag, ob eine Fähre den Hafen verlassen würde. Also dackelte ich erstmal mit meinem Koffer zum Check-In und wurde positiv überrascht: Meine Reservierung via Naked Bus für die Fähre war erfolgreich, meine Bordkarte wurde gedruckt und dann sagte die Dame hinter dem Schalter, dass die Fähre pünktlich um zwei Uhr ablegen würde. Na großartig! Hätte ich mir Sorgen gemacht, wären sie für die Füße gewesen. Energieverschwendung. Nichts anderes sind Sorgen nämlich. Und heute bin ich erstmals dafür belohnt worden, dass ich es nicht gemacht habe. Mir blieb noch reichlich Zeit, also schlenderte ich noch einmal kurz nach Picton hinein, besorgte mir ein gebrauchtes Buch von meinen Lieblings-Autoren Preston-Child (es war das erste Buch, was ich überhaupt anschaute und auch das letzte in diesem Geschäft) und gönnte mir einen heißen Kakao, bevor dann das Boarding der Fähre tatsächlich begann. Pünktlich um zwei legte dann die Interislander-Fähre nach Wellington ab und wir wurden darauf hingewiesen, dass es eine sehr ungemütliche Überfahrt werden würde und man besser sitzen sollte. Vorsichtshalber wurden aus dem Laderaum mehrere Kartons mit Sagen-Sie-uns-Ihre-Meinung-Tüten nach oben befördert und gut sichtbar positioniert, das sollte sich später als strategisch richtiger Schachzug bemerkbar machen, die Fährbetreiber in der Cook Strait sind wohl Kummer und Kotze gewöhnt. Um anderen Blog-Schreibern und Reisenden den Gebrauch derart direkter Sprache abzunehmen, taufe ich diese Wortkreation nun auf K&K-Prinzip – das klingt auch international gut und ist leichter verdaulich.

Während die Ausfahrt aus dem Marlborough-Sound zwar stürmisch, aber aufgrund der geschützten Buchten mit fjordähnlichem Charakter in nur leicht gewelltem Wasser statt fand, kreuzten immer wieder Hector Dolphins den Weg der Fähre und sprangen übermutig durch die Gegend. Sie sind deutlich kleiner als die Dusky Dolphins, mit denen ich schwimmen war, aber dennoch ist es immer wieder schön, Delfine zu sehen und die Reaktionen der Menschen auf Delfine. Kurz vor der Cook Strait und dem Verlassen der geschützten Bucht dann lebte der Wind richtig auf und es bildete sich neben dem Schiff eine Windhose über dem Wasser, die sich aber sofort wieder auflöste. Dennoch faszinierend, wenn man – so wie ich – ein derartiges Naturereignis noch nie miterlebt hat. Zudem traf ich auf der Fähre dann auf eine Schweizerin, die am gleichen Tag in der Hütte in Bark Bay übernachtet hatte und auch zwar auch in dem Sechser-Zimmer. Ein lustiger Zufall, es sollte nicht der letzte für den Tag bleiben. Die Überschrift des Beitrags hätte auch „Ein Tag mit vielen positiven Zufällen“ lauten können. Auf der Fähre selbst traf ich dann noch auf weitere bekannte Personen, die ich auf meinen Reisen auf der Südinsel kennengelernt hatte, allen voran eine Gruppe Franzosen, die kaum Englisch sprechen, obwohl sie schon mehrere Monate hier sind. Lustig, aber viele junge Deutsche sind da leider auch nicht besser – ich habe da so meine Vorurteile. Wer jetzt denkt, das würde an Zufällen schon reichen, hat die alternative Überschrift nicht richtig gelesen. Das entscheidende Wort ist „viele“, es kommt also noch etwas. Denn nach der Ankunft im Wellington, ich habe meine Meinung mal wieder nicht in die Tüten geäußert, wartete am Gepäckband die nächste faustdicke Überraschung: Noch mehr Reisende aus Bark Bay. Dieses Mal die Großfamilie aus Neuseeland und Australien, deren Kinder in der Schule Deutsch lernen und die meinen Namen so toll fanden. Denen bin ich gestern schon dreimal über den Weg gelaufen, was in einem großen Chor meinen Namen rufend resultierte – so auch heute. Es ist einfach schön, wie begeisterungsfähig, witzig und charmant die Menschen hier sind. Das werde ich sicher am meisten vermissen. A propos vermissen: Meine Haka-Leute vermisse ich auch manchmal, allen voran unseren Tour-Guide. Allzu witzig nur, dass er mit seiner Reisegruppe heute ebenfalls in Wellington eintreffen wird und im gleichen YHA wie ich wohnt. Zufälle gibt’s, die gibt es gar nicht. Und um das alles zu toppen, kann ich noch hinten anfügen, dass ich im gleichen Zimmer wohne, wie bei meinem letzten Aufenthalt in Wellington. Da der Tag noch nicht zu Ende ist, rechne ich aber weiterhin mit allem, vor allem mit Zufällen.