Wundervolles Wellington

Windig ist Wellington ja fast immer. Gut 37 Knoten macht der Wind hier im Schnitt – das ist schon ganz schön starker Wind. Und das an nahezu jedem Tag, mal mehr, mal weniger. Bei meiner Ankunft aus Picton war es ja richtig stürmisch und wir waren in der Tat die einzige Fähre, die regulär ablegen konnte. Entsprechend waren meine Erwartungen an das Wetter in Wellington nicht besonders hoch. Um so überraschter war ich, dass am nächsten Morgen, beim Zurückziehen der Vorhänge ein strahlend blauer Himmel samt Sonnenschein auf mich warteten. Also beschloss ich, noch einmal ein paar der Orte aufzusuchen, die wir schon mit der Haka-Tour besucht hatten, vor allem aber, mir einen sonnigen Überblick von Mount Victoria aus über die gesamte Stadt zu verschaffen. Letztes Mal wurden wir ja mit dem Bus hinauf kutschiert, was mir angesichts einer Fahrzeit von unter fünf Minuten schon etwas verschwenderisch und fußfaul vorkam. Dieses Mal also entschied ich mich für den Fußweg hinauf auf 196 Meter, vom Meeresspiegel aus. Das dauerte auch nicht länger als eine halbe Stunde, auch wenn der Aufstieg zum Teil über sehr steile Rampen führte, dafür aber durch ein wundervolles Waldstück. Denn eines muss man über Wellington wissen: Es ist nicht nur die windigste Stadt in Neuseeland, es ist auch die grünste Hauptstadt der Welt. Nirgendwo sonst gibt es mehr Grünflächen und der Blick von Mount Victoria über das sonnige Wellington zeigte das dann auch. Dazu der in allen Blautönen schimmernde Ozean rings um und die Tatsache, dass man oberhalb der landenden Flugzeuge ist. Leider war es immer noch arg kühl, durch den antarktischen Wind, aber dank Pullover war es auszuhalten.

Auf der Fähre nach Picton hatte ich ja eine Schweizerin wieder getroffen, die auch mit in Bark Bay in der Hütte war. Wir hatten uns zum Kaffeetrinken in Wellington verabredet und so marschierte ich dann vom Berg hinab in die Stadt, wo ich noch ein wenig Zeit mit Shopping verbrachte. Es gibt so unglaublich tolle kleine Shops in Wellington, die vor allem von jungen Designern aller Couleur betrieben werden. Entsprechend habe ich einem kurzfristigen spontanen Shopping-Impuls nachgeben und mir ein neues T-Shirt anschaffen müssen – es hätten auch locker drölf werden können. Mit der Anzahl „drölf“ bezeichne ich gemeinhin eine unbestimmte Menge an Dingen, nur kurz zur Erklärung. Und es ist keinesfalls auf eine Menge zwischen zwölf oder dreizehn festgelegt. Es können weniger oder auch mehr sein. Aber ich habe mich selbst diszipliniert und in der Tat nur ein einziges Shirt gekauft. Nicht auszuschließen, dass ich mich aber online noch mit einem weiteren T-Shirt bewaffne, was mir unglaublich gut gefallen hat und meine Star-Wars-Vorliebe auf kreative Weise ausdrückt. Anschließend gab es dann einen Kaffee in einem sehr coolen Restaurant-Café mit Namen „Olive“, das auf der Haupteinkaufsstraße „Cuba Street“ liegt und einen traumhaften Innenhof mit großen Bäumen, schönem Mobiliar und leckeren Getränken sowie (wie es aussah) extrem leckerem Essen bietet.

Insgesamt hat Wellington in der Sonne einen ganz anderen Eindruck auf mich hinterlassen, aber noch immer fühlt es sich nicht wie die Hauptstadt von Neuseeland an. Die Menschen hier sind unglaublich verrückt und schon wieder begegnete ich einer verkleideten Truppe. Dieses Mal Damen im gesetzten Alter, die allesamt total verrückt angezogen waren. Es handelte sich um eine Hockey-Damenmannschaft, die ihre verrückte Nacht, ihre „night out“, hatten. Es ist erstaunlich, wie offen die Menschen hier sind und wie schnell man von dieser Faszination in ihren Bann gezogen wird. In Deutschland würde icha wohl einen Bogen um Menschen machen, die sich in der Düsseldorfer Altstadt verkleidet zeigen. Davon gibt es eine Menge und sie sind immer stark alkoholisiert und eher anzüglich und zuweilen aggressiv, als freundlich und lustig. Ich mag Neuseeland halt, daraus mache ich keinen Zweifel. Das liegt auch daran, dass hier auf offener Straße Salsa getanzt wird und eine kubanische Band dazu live aufspielt. Zuschauer werden zu Tänzern und die Lebensfreude schwappt nur so um sich. Was ein wenig Sonne in Wellington doch so bewirken kann. Auch der zweite Tag hier war sonnig, nur leider standen bei mir Wäschewaschen und frühes Auschecken aus dem Hostel auf dem Programm. Dennoch blieb genug Zeit, um vor dem Aufbruch nach Napier noch einen Kaffee im Maranui-Café einzunehmen und die einzigartige Surfer-Atmosphäre, den 50er-Jahre-Stil und den Ausblick auf Surfer und Strand zu genießen. Anschließend hatte ich dann das große Glück, dass ich nicht mit dem Bus, sondern mit der Schweizerin reisen durfte. Sie hat ein Auto und wie ich wollte sie nach Napier. Somit standen statt zehn Stunden und zweimal Umsteigen mit dem Bus nur vier Stunden im Auto auf dem Programm. Nun bin ich also in Napier, wo ich außer dem Hostel und der Tankstelle noch nichts gesehen habe. Dafür hatte ich einen unfassbar lustigen Abend im Hostel mit Franzosen, Skandinaviern und Deutschen. Und dazu viel Eiscreme. Heute ist ein Tag, an dem Backpacking für mich alles hat, was ich daran so schätze: Freiheit, Menschen und neue Orte. Wenn ich nur jemanden finden würde, der mich für das Reisen bezahlt! Ich warte also darauf, entdeckt zu werden. Red Bull könnte als Mäzen auftreten, gerne auch andere Getränkehersteller. Oder Reiseanbieter. Oder Damenbinden-Hersteller. Ich bin da nicht wählerisch. Solange ich weiterreisen kann.

Wellington in der Sonne