Rere Falls, Rockslide und Nervenkitzel

Eigentlich sah mein Plan ja ganz anders aus, aber das gute Wetter am Sonntag bescherte mir einen Extra-Tag und nun war ich mit der Frage konfrontiert, was ich machen wollte. Optionen gibt es in Neuseealnd ja zur Genüge. Und die Wettervorhersage versprach Sonne, egal für welche Version ich mich entscheiden würde. Da ich hier zumeist eher kurzfristig entscheide, entschloss ich mich, das Frühstück abzuwarten und zu sehen, wonach mir der Sinn steht. Einmal Whakatane mit dem wohl schönsten Blick vom Strand aufs Meer in Neuseeland und einem der besten Surf-Strände, oder aber Richtung Süden und damit fast wieder bis nach Gisborne, um die Rere Falls und die Rockslide zu sehen und dann via Whakatane und Rotorua nach Taupo zurückzukehren. Der Titel meines Beitrags verrät ja schon alles, aber ich schreibe hier letztlich keinen Krimi, sondern eine Reiseblog – da darf ich den Ausgang der Geschichte schonmal vorwegnehmen. Die Spannung meines Beitrags ergibt sich aus den einzelnen Komponenten, aus denen sich mein Tag zusammensetzte.

Abenteuer Nummer eins war die Entscheidung, die wirklich sponatan beim Frühstück mit Blick auf den wolkenverhangenen Strand und die vorgelagerte Insel (White Island unter anderem) wenig Lust auf Strand und Meer machte. Ich wusste zwar, dass es in zwei bis drei Stunden sonnig werden würde, aber mir war doch eher nach Sightseeing und dem Auskosten meines Mietwagens. Und nach schnell durchfahrbaren Kurven auf der Strecke von Opotiki nach Gisborne, die als eine der schönsten (Schnell-)Straßen Neuseelands gilt. Ja, kann ich bestätigen. Mein zügiger Fahrstil sollte mich aber noch zu einem weiteren Abenteuer führen. Denn auf dem Weg nach Rere, das ich laut meines Navis in gut 90 Minuten erreichen sollte, schickte mich die freundliche Tante aus dem Navigationsgerät zunächst in den falschen Ort, dann in die falsche Richtung und zuletzt auf eine gut 30km lange Dirt Road, das würde bei uns als Feldweg bezeichnet, aus Schotter und Sand über eine bergige und kurvenreiche Straße, die zu Beginn noch hübsch asphaltiert war. Und das, obwohl ich dem Navi klar gesagt habe: „Dirt Roads vermeiden“. Zum Glück hatte ich noch auf einem der Abstecher, die mir mein Navi zugemutet hatte, den Tank an einer ländlichen und unbemannten Automaten-Tanke befüllt – auch ein Abenteuer für sich, dem Kreditkarten ungeübten Reisenden ist diese Art des Betankens sicher fremd, aber die Instruktionen des Automaten waren klar und unmissverständlich und endeten in einem gefüllten Tank, der sich auf den staubigen Bergstraßen als echtes Plus herausstellten. Ich zitterte nur anfangs obschon der spitzen Steine und der Qualität meiner Bereifung. Und in den engen Kurven obschon der rutschigen Oberfläche, trotz stark reduzierter Geschwindigkeit. Im Zuge dieses Trips lernte ich dann auch neue Facetten eines Automatik geschalteten Autos kennen – ich glaube, sowas mag ich in meinem nächsten Wagen auch haben. Ich war ja immer ein Anhänger von manueller Schaltung für den sportiven Fahrer, der ich ja gar nicht wirklich bin, aber nun werde ich wohl auf meine alten Tage doch noch bequem und möchte Automatik. Sehr entspannend. Nun gut, nicht auf diesem speziellen Trip, aber halt eben generell. Wobei der Spannungsbogen ja nicht an der Automatik lag, sondern halt eben an den Umständen, die ich nun noch näher zu erörtern gedenke und meiner Abschweifung vorerst ein Ende setze. Meine Reifen hielten den Belastungen der sandig-steinigen Bergstraße glücklicherweise stand, auch wenn die silberfarbene Optik des Mietwagens sich mit fortschreitender Fahrtdauer in ein hell-staubiges Ocker verwandelte. Und dann, ganz plötzlich hinter einer Brücke, wurde aus der Dirt Road wieder eine zweispurig asphaltierte Landstraße, etwa zehn Kilometer vor meinem Ziel, den Rere Wasserfällen. Ich werde die neuseeländische Philosophie des Asphaltierens und Nicht-Asphaltierens wohl nie verstehen. Vermutlich muss man dazu Vollzeit-Kiwi werden, was ich ja nicht bin. Warum also leitet mich mein Navi nicht die 30 Kilometer Umweg, die übrigens letztlich schneller und ungefährlicher als jede Dirt Road waren? Es hätte ja auch regnen können und dann wäre die Dirt Road echt eine Gefahr geworden, also mehr noch als ohnehin schon. Und diese Geschichten hört man überall hier von Backpackern – entweder sind es die auf Papier gedruckten Landkarten, die eine asphaltierte Straße vorgaukeln, oder aber die Navigationssysteme, die in das gleiche Horn blasen – vermutlich haben die einfach die Papierfehler übernommen und noch etwas ausgebaut.

Rere Falls

Mittagspause nach erstem Abenteuer an den Rere Falls

Aber zuerst durfte ich bei den Rere Falls verschnaufen und mir ganz allein und ungestört den Wasserfall ansehen, der hier von den Granitfelsen senkrecht auf einer ansehnlichen Breite herunterfällt. Was will man auch nach einer staubigen Straße mehr, als plätscherndes Wasser, blauen Himmel, Sonne, Wärme und Ruhe? Nichts. Eben. Und wenn man dann noch alleine an einem so schönen Ort ist, genießt man es umso mehr. Naja, so ganz allein war ich nicht. Während meines Aufenthalts wurde ich fortwährend von einem Schaf beobachtet, dass jeder meiner Bewegungen mit dem Kopf folgte. Offensichtlich sind Touristen hier nicht oft gesehen und stoßen bei den eingeborenen Schafen auf offenkundige Neugier. Nachdem ich meine Mittagspause und ein Fußbad im Fluss genossen hatte, brach ich zum Highlight meiner Tour auf: Der zwei Kilometer entfernt gelegenen „Rockslide“. Dabei handelt es sich auch um eine Art Wasserfall, allerdings fällt das Wasser hier nicht, sondern hat auf der Länge von gut 30 Metern den Granitfelsen glatt geschliffen und fließt somit auf einer Schräge von gut 20 Grad den Berg hinunter. An einer Stelle ganz links im Fluss kann man dann mit einem Bodyboard, einem aufgeblasenen Reifen oder einer Luftmatratze auf dem dünnen Wasserfilm zu Tal rasen – völlig kostenlos. Ich hatte zwar kein Bodyboard oder dergleichen mit, allerdings hätte die Möglichkeit bestanden, mir in Gisborne eines auszuleihen oder aber das freundliche Angebot eines Neuseeländers vor Ort anzunehmen und seines zu nehmen. Allerdings war der Wasserfilm extrem dünn und ein Engländer hatte sich vor mir die Knie an- und aufgeschlagen, was mir dann das Risiko nicht wert war. Mit mehr Wasser – aktuell haben wir hier eine Trockenphase, trotz des Zyklons – hätte ich es sicher gemacht. Aber alleine diese beeindruckende Leistung der Natur zu sehen und anderen beim Zu-Tal-Rasen zuzusehen war die Mühen des Auffindens der Rere Falls und der Rockslide wert. Für den Rückweg entschied ich mich dann für den 30 bis 40 Kilometer langen Umweg über die Asphaltstraßen und sparte rund 30 Minuten sowie jede Menge Nerven ein, dafür schwand jedoch mein Spritverbrauch – ein Fakt, der mir auf den noch bevorstehenden 400 Kilometern bis nach Taupo sehr deutlich vor Augen geführt werden sollte, womit wir bei meinem Rückweg nach Taupo mit den Zwischenzielen Opotiki und Whakatane wären.

Historische Brücke kurz hinter Opotiki direkt am Highway

Kleiner Spaziergang mit Ausblick: Regenwald, Fluss, Brücke

Auf dem Weg dorthin legte ich mehrere Pausen ein, um mir die tolle Berglandschaft zwischen Gisborne und Opotiki genauer anzusehen und unter anderem eine „historische“ Brücke zu bewundern, die Ende des neunzehnten Jahrhunderts gebaut wurde und die Zeugnis über die wilde Natur Neuseelands und die kühnen Menschen ablegt, die versuchten, das Land urbar zu machen und dabei oftmals ihr Leben ließen. Gerade die bergigen Regionen entpuppten sich häufig mit ihren dichten und üppigen Regenwäldern als tödliche Falle für Siedler, die versuchten, dort ihre Felder durch Rodung anzulegen. Mein erster Gedanke war, dass die Natur sich zu recht gewehrt hat. Ich habe ja schon an anderer Stelle darüber berichtet, wie viel mehr Wald Neuseeland vor der Ankunft europäischer Siedler hatte. Heute wird zum Teil damit begonnen, die unbewachsenen Grashügel wieder mit Wald zu rekultivieren. Allerdings muss man auch wissen, das die Holzindustrie hier in Neuseeland ein großes Geschäft ist, so dass viele Forste reine Wirtschaftsbetriebe sind und an anderer Stelle dafür gerodet wird. Schade, dieses Land könnte mehr Wald sicher gut gebrauchen – ich frage mich, welche klimatischen Auswirkungen das auf Nord- und Südinsel haben würde, wenn sich die Waldfläche verdoppeln würde. Und selbst das wäre noch weit von dem entfernt, wie Neuseeland dereinst ausgesehen haben muss. Es war wohl schier undurchdringlich. Ich werde die Lösung dieses Rätsels wohl nicht selbst erleben, falls es überhaupt Realität wird. Bevor ich noch weiter abschweife, wieder zurück zu meiner Fahrt nach Whakatane (es wird Fakatane ausgesprochen, wegen Wh und Maori und so – nicht vergessen). Whakatane ist wunderschön, was sich wohl in Neuseeland schon sehr weit herumgesprochen hat. Nirgendwo sonst habe ich derart viel Reichtum in Form von Villen und Luxus-Automobilen gesehen, wie hier. Vor allem in Richtung Ohope wird das noch deutlicher. Was man hingegen nicht findet: Cafés oder dergleichen in Strandnähe. Da stehen besagte Luxusvillen und -autos. Eigentlich hatte ich geplant, in Whakatane mein Abendessen einzunehmen, aber daraus wurde nichts, denn ich wollte dabei schon aufs Meer schauen. Nicht einmal der Einsatz von Foursquare brachte mich hier weiter – schade. Also sattelte ich meinen staubigen Mietwagen erneut und machte mich auf das letzte Stück, von Whakatane nach Taupo. Flugs noch ein Zimmer in der von mir so geliebten Silver Fern Lodge vorbestellt und dann die Adresse ins Navi eingegeben. Auf die Frage, ob ich Dirt Roads vermeiden möchte, habe ich natürlich mit „Ja“ geantwortet, denn ich wusste ja, dass ich das Abenteuer nicht haben wollte – zumal meine Fahrt nach Taupo weit in die dunkle Nacht hinein dauern würde. Zunächst aber belohnte mich die Anhöhe hinter Whakatane noch mit einem atemberaubenden Ausblick, der mich dazu verleitete, mein Abendbrot selbst zu schmieren – Sandwiches aus dem Kofferraum mit Blick auf eine der beliebtesten und belebtesten Surf-Buchten des Landes im Sonnenuntergang. Unbezahlbar! Wozu brauche ich ein Restaurant mit Seeblick, wenn ich mein eigenes dabei habe? Nach diesem reichlich improvisierten, dafür aber doppelt aussichtsreichen, Abendessen ging es dann wirklich auf in Richtung Taupo. Zwei Stunden sollte die Fahrt dauern. Da ich die Distanzen und Highways grob im Kopf hatte, war ich obschon dieser Einschätzung meiner elektronischen Navigationshilfe ein wenig überrascht, aber nun gut – ich bin ja kein Vollzeit-Kiwi. Dummerweise ist es die Tante aus dem Navi wohl auch nicht, denn mitten auf dem Highway zwischen Whakatane und Rotorua lotste sie mich auf eine Nebenstraße, die mit dem Hinweis „Private Road“ gekennzeichnet war. Ich bin vielleicht etwas obrigkeitshörig, deshalb folgte ich der Dame und nicht meiner Intuition. Letztlich endete die asphaltierte Straße mitten im dunklen Wald – richtig – in einer Dirt Road und etwa zwei Kilometer von der Einbiegung in die rettende nächste asphaltierte Straße blockierte dann eine Schranke meinen weiteren Weg. Sackgasse. Also wieder zehn Kilometer zurück über Dirt Road und durch den Wald, um wieder auf den Highway zu kommen, flankiert von den Bitten der Dame, doch nach Möglichkeit bei der nächsten Gelegenheit zu wenden und ihren Anweisungen zu folgen. Dieses Mal beschloss ich, mich an meine Ortskenntnis und mein Bauchgefühl zu halten und wieder auf den Highway in Richtung Rotorua abzubiegen. Und schwupps, kaum auf dem Highway, änderte die Dame im Navi ihre Meinung und zeigte mir zusätzliche vierzig Minuten und einen satten „Umweg“ an, also meine ursprünglich im Kopf kalkulierte Strecke. Dummerweise hatten mich meine sportive Fahrweise sowie die beiden Umwege derart viel Sprit gekostet, dass es dieses Mal mitten in der Nacht wirklich knapp werden konnte, zumal meine Wege weiterhin über leere Landstraßen ohne jedweden entgegenkommenden Verkehr führten. Auch Highways sind in Neuseeland nicht wirklich dicht befahren.

Als dann auch noch ein wenig Regen einsetzte, der sich ab Rotorua und bis Taupo mit dem unvermeidlichen Schwefelgeruch verband, war mein Glück perfekt: Dunkelheit, Regen, Gestank. In Deutschland wäre ich wohl schon in HB-Manier ausgerastet, hier summte ich mit dem Radio zusammen ein paar Rock-Oldies (Lieder, die mit „Don’t“ beginnen) und versuchte, das Beste aus der Situation zu machen. Quasi auf dem letzten Tropfen und stets mit dem Fokus auf dem Wort „Eco“ in der Anzeige meines Mietwagens, um möglichst spritsparend zu reisen, erreichte ich dann endlich Taupo und mein Hostel. Aussteigen, einchecken, daheim fühlen. Zuvor noch schnell im Supermarkt meine Vorräte für den nächsten Busreisetag auffüllen, denn den Mietwagen musste ich ja leider wieder abgeben. Somit endete ein harmloser Rere-Ausflug dank Navigationssystem in einem veritablen, aber eben ungeplanten, Abenteuer. The best things in life are free!