Als Noch-Nicht-Surfer in Raglan

Was den Australiern Surfers Paradise ist, ist dem Neuseeländer Raglan. Hier lebt und surft die nationale und internationale Surf-Elite. Gleich drei Strände innerhalb weniger Kilometer bieten für nahezu jeden Schwierigkeitsgrad die richtigen Wellen. Zumeist kommen die Wellen hier schön gleichmäßig herein und erfreuen zumeist Teens und Twens. Gegen Abend kommen dann auch die älteren Surfer an die Buchten – selten habe ich auf meiner Reise so ein gemischtes Publikum beim Surfen gesehen. Zuweilen wirken die Surf-Spots aber etwas überlaufen, was man immer daran merkt, dass kaum ein Surfer, abgesehen von den ganz erfahrenen Hasen, eine Welle zu Ende surfen kann. Immer kommt wer dazwischen. Das wäre mir vermutlich auf die Dauer zu unentspannt. Allerdings bin ich ohnehin aus dem Rennen raus, da ich noch keinen Fuß auf ein Surfbrett gesetzt habe. Wenn ich noch etwas länger bleiben würde, wäre das sicherlich einer meiner Pläne, dann allerdings würde ich wieder zurück nach Mount Maunganui reisen. Raglan ist sicherlich toll, aber auch ziemlich am Ende der Welt. Ein Supermarkt, noch dazu teuer. Viele schöne Bars mit supercoolem Surf-Publikum. Tolle Strände. Tolles Umland. Berge. Meer. Ausblicke. Eigentlich gibt es hier alles, aber ein wenig wirkt das auch reichlich selbstverliebt. Man ist halt gerne unter sich. Man kennt sich. Und wer nicht surft, ist zwar nicht per se uncool, aber eben halt nicht mit dabei.

Viel gibt es über Raglan nicht zu erzählen. Das Hostel, in dem ich mich einquartieren wollte, war überfüllt. Das wäre Raglan Backpackers & Watefront Lodge gewesen, aber dort gab es nicht einmal ein teures Einzelzimmer. Verständlich, gilt es doch als eines der besten Hostels in Neuseeland. Es hätte dort einen Hot Spa gehabt, den ich für meinen durch Autofahrten und Rucksagtragen geschundenen Rücken gut hätte gebrauchen können. Somit bin ich dann im Solscape gelandet, was von den Einwohnern wegen seiner grandiosen Aussicht gerne als Frühstücks-Location genutzt wird. Auch sonst ist das Hostel eine interessante Location: Man übernachtet in alten, auseinandergesägten Eisenbahn-Waggons, früher hieß das Hostel einmal anders und hatte das Thema Eisenbahn als Aufhänger. Inzwischen ist es mehr eine Surfer-Hochburg und die Besitzer sind zudem sehr an regenerativen Ansätzen interessiert. Hier wird stärker als anderswo recycelt, zudem wird das warme Wasser über Solarenergie gewonnen und auch sonst legt man hier großen Wert auf einen Einklang mit Mutter Natur. Ich würde mir nur wünschen, dass die jungen Wilden das auch so sehen würden – die Nachtruhe interessiert sie herzlich wenig, das Recycling und die Sauberkeit in den öffentlichen Gemeinschaftsräumen ebenso wenig. Dafür umso mehr surfen, saufen, kiffen und rauchen. Überflüssig zu sagen, dass der Großteil hier aus Deutschland kommt. Manchmal schäme ich mich fast schon, auch wenn ich jetzt unfair denjenigen gegenüber bin, die die rühmliche Ausnahme bilden. Auch die gibt es hier, aber sie ist selten. Vom Aussterben bedroht, möchte ich fast sagen.

Was es hier auch gibt ist Internet, aber hier werden Bits und Bytes teilweise auf Surfbretter verladen und erst mit jeder siebten Welle und auch nur sehr gemächlich transportiert. Dafür ist das Internet eigentlich zu teuer, denn es muss extra bezahlt werden. Nunja, ich habe mich inzwischen an diese Flaschenhals-Taktik der Neuseeländer gewöhnt, bin aber froh, wenn ich in Kürze mal wieder nach Herzenslust meinen DSL-Vollrausch in Deutschland ausleben kann. Schlimmer als in Neuseeland kann es fast nirgendwo sein, die digitale Diaspora. Ich ertappe mich ja immer wieder dabei, wie ich mir vornehme, mich Kim Schmitz (Kimble) einmal vorzustellen – vielleicht sucht er ja für sein Internet-Kimperium noch einen guten Marketing-Strategen. Ich würde ihn auch bei seinen politischen Bemühungen hier unterstützen. Zumindest hat er es clever angestellt, denn wer auch immer Dreck am Stecken hat und Verfolgung durch westliche oder östliche Mächte befürchtet, der ist hier in Neuseeland ziemlich gut aufgehoben: Es wird einfach nicht ausgeliefert. Hat man ja bei Herrn Schmitz gesehen. Was das alles mit Raglan zu tun hat? Im weitesten Sinne geht es ja immer noch ums Surfen und irgendwie wollte ich doch die ganze Zeit schon diese Zeilen zu Kimble los werden. Man kann ja als Vollnerd nicht einfach nach Neuseeland reisen und dann so tun, als ob Kim Schmitz bzw. Kim Dotcom, wie er hier genannt wird, nicht hier leben und wirken würde. Diese Karte habe ich nun also auch gespielt und kann mich beruhigt meiner Reise in den Norden widmen. Auf nach Whangarei. Morgen.

Raglan und Bridal Veil Falls

Oh, eine Sehenswürdigkeit knapp vor Raglan (von Hamilton aus gesehen) hätte ich dann doch fast noch vergessen: Die Bridal Vail Falls. Da stürzt sich das Wasser 55 Meter in die Tiefe. Kann man sich ruhig mal angucken, ist nämlich eine schöne und kurzweilige Wanderung. Zumindest, wenn man Treppen nicht abgeneigt ist. Davon gibt es dort eine ganze Menge, sofern man zum Fuß des Wasserfalls und wieder zurück möchte. Ich habe es gemacht und nicht bereut.