Whangarei und das Gratis-Vergnügen

Eigentlich hatte ich nach meinem Reisetag von Raglan nach Whangarei – bitte immer daran denken, dass „Wh“ als „F“ gesprochen wird – vor gehabt, mich einfach nur zu erholen. Die Location, die ich mir für meine Übernachtung ausgesucht hatte, die Little Earth Lodge, wäre dafür auch perfekt gewesen. Weit außerhalb von Whangarei liegt sie in einem Naturidyll, direkt in der Nähe der Abbey Caves. Letztere beherbergen unter anderem Glowworms, die ich ja schon in Waitomo beschrieben habe. Hier sind sie in der Höhle allerdings kostenlos zugänglich. Überhaupt war die Reise nach Whangarei zu einem großen Teil kostenlos, aber bei weitem nicht umsonst. Leider galt das nicht für die Übernachtung, aber die war auch – gemessen an meinen sonstigen Übernachtungen – fast schon First Class. Was aber auch daran lag, dass ich dieses Mal ein Einzelzimmer hatte. Doch auch sonst gibt es gute Gründe, abseits der Lobeshymnen im Lonely Planet, um in der Little Earth Lodge abzusteigen. Zum Beispiel die unfassbar netten britischen Besitzer der Lodge, oder die unfassbar ruhige und idyllische Lage, oder die Tatsache, dass man dort Equipment (Schuhe, Helm, Stirnleuchte) zur Erkundung der Glowworm-Höhlen ausleihen kann. Lediglich die Stirnleuchten sind nicht kostenfrei, als Neuseeland-Reisender hat man jedoch in der Regel nach kurzer Zeit bereits eine solche im Gepäck, um auch nachts im Hostel noch zu lesen, wenn das große Licht für alle anderen zum Schlafen schon abgedreht ist. Doch ich springe gerade in der Zeit und schweife ab, was irgendwie daran liegt, dass Whangarei für mich eine unerwartet positive Erfahrung war. Wo also fange ich nun an, nachdem ich die Übernachtungs-Location schon so angepriesen habe und ein paar der Highlights erwähnt habe?

Als ich abends in Whangarei ankam, wartete schon die erste Überraschung auf mich. Ich hatte erfahren, dass eine Holländerin, die ich schon in Motueka und in Rotorua sowie Mount Maunganui getroffen hatte, auch in Whangarei war – die neuen Medien machen es möglich. Also verabredeten wir uns für den nächsten Morgen auf einen Kaffee und das war auch schon das erste Abenteuer, denn mein Navi wollte mich partout nicht zum Riverside Cafe führen – zum Glück hat dann Google Maps die Aufgabe kurzfristig für mich übernommen. Ein Hoch auf das mobile Internet! Während des Kaffetrinkens fanden wir heraus, dass wir in etwa die gleiche Routen- und Zeitplanung für die Nordinsel hatten und da ich ja einen Mietwagen habe, bot ich ihr eine Mitfahrgelegenheit an, denn ich weiß ja selbst, dass es zum Teil schwer ist, bestimmte Orte zu erreichen und ein wenig Gesellschaft beim Reisen kann nicht schaden. Also tüftelten wir für den anstehenden Tag einen Plan aus: Zuerst zu den Wasserfällen, um dort eine Wanderung zu absolvieren, dann zu den Abbey Caves, um die Glowworms anzusehen und abschließend nach Paihia, um die nächste Etappe zu erreichen. Es sollte ein ereignisreicher Tag werden, wie sich schon bei den Wasserfällen herausstellte. Zwar sind diese bei weitem nicht so spektakulär, wie die Bridal Veil Falls und auch nicht so breit, wie die Rere Falls und schon dreimal nicht so wasserreich wie die Huka Falls, aber dafür liegen sie sehr idyllisch und plätschern munter über Steine ins Tal. Faktisch gesehen gibt es sogar zwei Wasserfälle, wir haben uns den zweiten (den größeren) jedoch geschenkt, das der Walk dorthin bei weitem nicht so interessant ist (unter anderem gab es dort Kauri-Fichten zu bewundern) und weil wir am ersten Wasserfall wegen eines Zwischenfalls etwas Zeit verloren hatten. Nun kennt ja meine Blog-Leserschaft inzwischen bereits mein Faible für Abenteuer in großer Höhe in Neuseeland – von meiner ehemaligen Höhenangst ist nicht wirklich etwas zurück geblieben. Und als wir dann am Wasserfall eine Schulgruppe beim Abseilen entdeckten, wollte meine Begleitung das unbedingt machen – kein Wunder, ihr Job ist Outdoor-Instructor und der Nervenkitzel sowie fortwährende Bewegung ihre ständigen Begleiter. Mir wäre dieses Leben ja bei weitem zu anstrengend, aber ich gehöre ja zur Kategorie Sesselfurzer, auch wenn ich mir jetzt eine actionreiche Auszeit gönne. Die Antwort des Gruppenleiters, dass wir uns auch abseilen könnten, interpretierten wir als Witz und lachten. Aber nur kurz. Dann kamen zwei Schüler und brachten uns Equipment und ein paar Minuten später durfte ich mich zum ersten mal in meinem Leben abseilen. Bergsteigen wird vermutlich dennoch nie zu meinen Favoriten werden, aber abseilen ist unfassbar interessant. Ich denke, das werde ich noch einmal aus größerer Höhe machen. Hier waren es nur gut 40 Meter. Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich.

Nach unserem Rückweg zum Auto beschlossen wir, da der Tag erst um die Mittagsstunde stand, noch einen Ausflug zu den Abbey Caves zu machen. Also zurück zur Little Earth Lodge, wo wir uns Schuhe ausgeliehen haben und noch eine amerikanische Journalistin im Ruhestand, die ich am Abend zuvor in der Lodge kennen gelernt hatte, mitnahmen. Zu dritt machten wir uns auf den kurzen Fußweg zu den Höhlen und dann über rutschige Felsen und ohne jedwede Sicherung, so wie das hier in Neuseeland üblich ist, auf den Weg in die Höhle. Der Abstieg stellte sich dann aber als weitaus harmloser heraus als die ersten Meter vermuten ließen. In der Höhle selbst kamen wir dann recht gut voran und fanden uns nach wenigen Metern in absoluter Dunkelheit, zwischen unseren Füßen ein kalter unterirdischer Bach murmelnd. Vorsichtshalber sollten wir Badehosen anziehen, da man wohl gut und gerne bis zur Hüfte im Wasser stehen könne. Bis zu diesem Punkt in der Höhle sind wir aber nicht weiter vorgedrungen. Unser Augenmerk richtete sich auf die Glowworms und die gab es schon, sobald man die Kopfleuchten ausschaltete, bereits zwanzig Meter nach dem Eingang. Und es wurden mehr mit jedem Schritt. Dazu ungewöhnliche Gesteinsformationen sowie Stalagmiten und Stalagtiten. Eine schöne Höhle in der wir dann noch einen Kanadier kennenlernten, so dass wir zu viert aus der Höhle herauskamen. Mit Waitomo kann die Höhle zwar nicht mithalten, aber dafür ist es gratis und man kann noch weitergehen durch zwei weitere Höhlen. Ein Erlebnis, dass ich nur jedem empfehlen kann. Allerdings sollte man das Wetter gut im Auge behalten, denn der Wasserspiegel steigt bei Regen durchaus rasch an und kann somit gefährlich werden. Wir hatten strahlenden Sonnenschein und somit perfekte Bedingungen für unseren Trip. Die Amerikanerin verabschiedeten wir an der Lodge und nahmen den Kanadier noch ein Stück des Weges zu einem Aussichtspunkt oberhalb der Stadt mit, wo wir ein kleines Picknick veranstalteten und dann die Reise nach Paihia antraten. Dies war dann zum Glück von Abenteuern befreit, sieht man mal von der abenteuerlichen Suche nach einer freien Unterkunft ab – wir sind immerhin außerhalb der Hauptsaison und eigentlich sollten nun mehr Hostels freie Zimmer haben. Das Gegenteil ist irgendwie der Fall und so brauchten wir eine ganze Weile, um im Pickled Parrot schließlich eine Unterkunft zu finden, wo es noch zwei freie Dormroom-Betten hatte. Ich wählte die teurere Variante mit nur vier Betten im Zimmer, ich weiß diesen Luxus, der nur unwesentlich teurer ist, inzwischen sehr zu schätzen. Am Ende war nur eine Französin mit mir im Zimmer und der große Dormroom der Holländerin war komplett ausgebucht und mit schnarchenden Italienern belegt. Falls es noch niemandem aufgefallen ist, dieser Blogbeitrag wimmelt nur so vor Reisenden aus aller Herren Länder. Wie lautet eigentlich der Gender Mainstreaming konforme Begriff für „aller Herren Länder“? Ist das jetzt schon politisch unkorrekt? Muss ich „aller Herren/Damen Länder/innen“ schreiben?

Den Abend verbrachten wir dann mit etlichen Leuten aus dem Hostel und ein wenig Gitarrenmusik sowie ich für meinen Teil mit in Tupperdosen abgepacktem Thai-Curry samt Reis als Abendessen. Davon hatte ich in der Little Earth Lodge am Abend zuvor schon reichlich geschlemmt, denn ich war mit hungrigem Magen einkaufen gegangen und werde mich folgerichtig in den nächsten drei Tagen von thailändischem Curry samt Hähnchen ernähren. Alles frisch zubereitet, ich bin jeden Abend aufs Neue begeistert, nur um meine Kochkünste selbst zu loben, sonst macht das ja hier niemand. Während ich das gerade schreibe vertilge ich eine weitere Portion und es ist immer noch reichlich übrig – ein Hoch auf die Isoliertasche, die mein Essen vor zuviel Hitze schützt.