Am oberen Ende: Cape Reinga

Vor der Landspitze von Cape Reinga treffen Tasman Sea und Pazifischer Ozean aufeinander und das kann man sehen. Es ist ein mystischer Ort, der den Maori so heilig ist, dass heute Schilder darauf hinweisen, dass man bitte dort weder isst noch trinkt. Der Grund ist jener, dass die Maori glauben, dass hier die Geister der Verstorbenen hinreisen. Das kann man sich gut vorstellen, wenn man einmal den Leuchtturm und die vielen Besucher ausblendet. Dieser Ort hat etwas besonderes, etwas magisches. Das geht bei der Farbe der Strände los – an der Ostküste ist der Sand kurz vor Cape Reinga fast schon weiß und unglaublich fein. An der Westküste hingegen hat er eine goldene Färbung und ist deutlich gröber. Die Ostküste wartet mit steilen und dunkeln Felsen auf, die Westküste mit Sanddünen, die sich weit ins Landesinnere erstrecken und von Süßwasserseen durchzogen sind. Und Cape Reinga ist von allem ein wenig, denn man blickt zurück auf das Land, blickt nach vorne auf die sich vereinigenden Meere und spürt die stetige Brise, die hier weht. Dazu der schnell wechselnde Himmel und die Gewissheit, dass das Land hier zu Ende ist. Zumindest im Norden. Somit habe ich nun beides bereist: Den Norden mit Cape Reinga und den Süden mit Bluff. Dazu den Osten mit dem East Cape und den Westen, naja, da war ich etwas schludrig und habe hier wiederum „nur“ Bluff bzw. Invercargill zu Buche stehen. Da hätte ich durchaus noch drauf achten können, aber irgendwie hatte es mich nicht gerade in den äußersten Südwesten gezogen – ich habe also noch Raum für weitere Entdeckungen. Für mich persönlich hat sich aber mit der Reise nach Cape Reinga ein kleiner Traum erfüllt, denn ich habe es tatsächlich geschafft, in den zwei Monaten, die meine Reise hier in Neuseeland nun andauert, all das zu sehen, was ich unbedingt sehen wollte. Und weitaus mehr als das. Bevor ich aber in Melancholie verfalle, was mir in der Tat auf der Rückreise mit dem Bus entlang des wundervollen Ninety Mile Beach passiert ist, schildere ich lieber diesen wundervollen Tag in seiner epischen Breite und Länge, nachdem ich Neuseeland nun auch fast vollständig in Breite und Länge durchmessen habe.

Cape Reinga und der wilde Norden

Zwar kann man mit dem Auto auch bis hoch nach Cape Reinga reisen, allerdings muss man dazu die sehr kurvenreiche Straße benutzen, sofern man keinen Allradantrieb am Auto hat. Mit diesem kann man ansonsten am Strand entlang fahren, dieser gilt offiziell als Highway und darf mit 80 km/h befahren werden, was bei Ebbe auch problemlos möglich ist. Würde auch mit einem normalen Auto gehen, allerdings darf man dann nirgendwo anhalten, da sonst die Gefahr besteht, dass die Räder samt des Wagens im Sand versinken. Zudem kommt man durch den weichen Sand gar nicht erst an den Strand und würde wohl durch das Salzwasser massive Probleme mit den geliehenen Autos verursachen. Zudem gilt der Versicherungsschutz auf der Straße am Strand nicht – Klassifikation als Highway hin oder her. Also lieber die Finger davon lassen und auf einen der Reiseveranstalter umsteigen, die ihre Touren rund um Kaitaia anbieten. Zusammen mit der Holländerin, die ich kurz nach dem Trip verabschieden musste, da sie weiter nach Australien reist, machte ich mich also mit weiteren dreißig Personen auf den Weg zum nördlichen Ende Neuseelands. Im Trip inbegriffen: Lunch und die Rückreise über den Ninety Mile Beach. Neunzig Meilen misst er nicht wirklich, es sind wohl irgendwas um die 81 Meilen, aber im Übertreiben und Vermarkten sind die Neuseeländer ja ziemlich gut, wie ich schon mehrfach berichtet habe. Klingt ja auch besser als Eightyone Mile Beach.

Der Busfahrer jedenfalls hatte den ganzen Tag über seinen persönlichen Spaß. Er erzählte munter über alles und jeden, streute unfassbar viele unwitzige Witze ein, die allerdings bei den mitreisenden Mitgliedern des Commonwealth für größtmögliche Erheiterung sorgten. Was aber auch an der heiseren Lache des Busfahrers gelegen haben könnte, der immer wieder am meisten über seine eigenen Witze lachte. Erst auf den letzten Kilometern der Reise haute er dann noch ein paar richtig gute Brüller raus, da war mein Kopf aber schon im Dämmerzustand – sozusagen weich gelabert. Dazwischen fiel es mir sichtbar schwer, die wertvollen Informationshappen aufzufangen, aber allzuviel gibt es auf der Strecke zwischen Kaitaia und Cape Reinga auch nicht zu sehen. Vor vielen tausend Jahren muss dort einmal ein Wald mit unfassbar hohen und dicken Kauri-Fichten gestanden haben. Davon zeugen Holzstämme, die man im Moorboden der Region gefunden hat. Das Moor ist sehr sandhaltig und die Stämme extrem gut konserviert. Einige davon konnten durch schonende Maßnahmen geborgen und weiterverarbeitet werden, davon ernährt sich ein Teil der Bevölkerung im kargen Norden, der Rest lebt von Schaf- und Rinderfarmen oder der Holzindustrie, die hier bis zu 800 Tonnen Wald täglich rodet.

Sieht man einmal vom Busfahrer ab, bleiben ein paar Stops an Stränden, die wenig spektakulär sind und die Erkenntnis, dass sich das Museum mit den Nachttöpfen hier definitiv nicht halten konnte, auch wenn es einige Jahre funktioniert hat. Somit steht es nun leer und einsam neben einem Campingplatz und wartet auf neue Aufgaben oder den Zahn der Zeit. Vermutliche letzteres. Über die Strände und die Farbe des Sandes habe ich ja schon alles gesagt. Bleibt noch die Erkenntnis, dass zwei Säugetiere in der Nordregion bejagt werden müssen: Wildpferde und Wildschweine. Beides waren einmal domestizierte Varianten, allerdings sind sie den Siedlern immer mal wieder entwischt und haben ein eigenes Leben entwickelt. Da es keine natürlichen Feinde gibt, muss der Bestand reguliert werden, um die einheimische Tier- und Pflanzenwelt zu schützen. Ein paar Wildpferde dürfen immer frei herumlaufen, weil sie für die Touristen einen schönen Blickfang abgeben und ein Grund für viele Pferdeliebhaber sind, hierher zu kommen. Dazu muss man in aller Regel früh aufstehen, da die Pferde sehr scheu sind und nur zum Sonnenaufgang an den Strand kommen, um etwas Salz aufzunehmen. Danach verschwinden sie wieder in den Dünen. Wir hatten unfassbares Glück, denn durch den leicht bedeckten Himmel waren nicht so viele Menschen bzw. Fahrzeuge am Strand unterwegs und so hatten wir tatsächlich freien Blick auf eine Gruppe Wildpferde. Zumindest für ein paar Sekunden, die mir für ein Foto aus dem Busfenster reichten, danach waren sie wieder in den Dünen veschwunden.

Das Highlight des Tages war – neben dem eingangs beschriebenen Cape Reinga samt Leuchtturm und der damit verbundenen pittoresken Aussicht – allerdings das Sand Sledging. Dabei stapft man eine der hohen Sanddünen hoch, hat ein Bodyboard unter dem Arm und genau darauf legt man sich dann und stürzt sich kopfüber die Sandpiste hinunter. Wenn der Weg nach oben nicht so anstrengend gewesen wäre, hätte ich sicher mehr als zwei Abfahrten gewagt. So allerdings signalisierte mir mein Körper, dass zwei Aufstiege samt Abfahrt genug sein müssten. Mir hat es geholfen, dass ich als Kind immer im gleichen Stil mit dem Schlitten steile Eifel-Hänge hinunter gestürzt bin und dabei auch immer bestrebt war, weiter als alle anderen zu kommen. Das geht nur, wenn man auf bremsen und lenken verzichtet. Ist mir damals wie heute hervorzüglich gelungen – ich hätte quietschen können, vor lauter Vergnügen. Weil sich quietschen bei erwachsenen Männern aber seltsam anhört, habe ich laut gegröhlt vor Freude – sehr zur Belustigung aller Mitreisenden. Notiz an mich selbst: unbedingt eine Sanddüne vor dem Haus zulegen, dann kann man Sommers wie Winters rodeln!