Aotearo & Aroha

Eigentlich dachte ich, dass mein „neues“ Leben ohne Bilanzen auskommen könnte, vermutlich aber nicht ohne jene, die man ziehen kann und sollte. Für mich enden drei Monate in Ozeanien, von denen ich zwei in Neuseeland verbringen durfte. Wie also sieht meine Bilanz nach drei Monaten Reise aus? Was hat sich verändert? Was hat vor allem mich verändert? Beide Länder, die ich bereist habe, haben ihre Spuren hinterlassen. Australien war nett, müsste ich aber an der Ostküste nicht noch einmal haben, ich denke, da habe ich mich einfach auf die falsche Seite des Kontinents begeben, für mich wären wohl eher Westküste und Outback die Aspekte gewesen. Hinterher weiß man immer mehr. Für mich war Australien zunächst ein Kulturschock. Dieses fortwährende „easy going“ und „no worries“ sowie die bewusste Langsamkeit sind Dinge, die ich neu lernen musste. Gut so, denn hier in Neuseeland ist das noch viel extremer! Besonders ausgeprägt manifestierte sich das jüngst in Russell, wo ich eine geschlagene Stunde auf einen Kaffee warten durfte, um ihn dann mit einer Entschuldigung zu erhalten und den Worten, dass das eben „Russell-Style“ wäre, also alles relaxt und entspannt und ohne Hektik anzugehen. An manchen Fleckchen hier hat man das unwiderrufliche Gefühl, der dahinrinnenden Zeit entkommen zu können. Neuseeland mag zwar magisch sein, diese Fähigkeiten besitzt es in der Realität leider nicht, nur eben auf Gefühlsebene. Das ist dann so etwas wie der Wind-Kälte-Faktor für die Temperatur, nur halt eben für die Zeit. Sozusagen der Maori-Zeit-Faktor.

Zeit hatte ich hier definitiv zu wenig. Zwar habe ich alles gesehen, was ich mir so vorgenommen hatte und noch etwas mehr, aber es gibt noch viele Dinge, die ich gerne erlebt hätte. Was mich immer wieder fasziniert sind die Menschen. Ob bei Mc Café an der Kasse, am Strand oder an der Bushaltestelle: Immer wird man angesprochen, in tiefgreifende Gespräche verwickelt und nicht mehr losgelassen. Da kann die Zeit drängeln, wie sie will, der Neuseeländer nimmt sich die Zeit und spendet volle Aufmerksamkeit. In den letzten Wochen ist es mir gelungen, das auch selbst zu leben. Ob es in Hostels ist, wo ich mit Neuankömmlingen stundenlang über bestimmte Dinge quatsche, im Bus oder sonstwo. Ich nehme mir die Zeit und versuche gar nicht erst, auszuweichen oder schnell zu sein. Wozu auch? Was mache ich mit meinem Zeitgewinn? Facebooken? Twittern? Im Internet surfen? Natürlich bin ich in den drei Wochen nicht zum Internet-Asketen geworden, aber es tut gut, das Handy auszuschalten, was ich fast immer tue. Ich schalte es nur ganz bewusst ein, wenn ich es wirklich brauche. Das ist selten genug. In Deutschland wird sich das sicher wieder ein Stück weit ändern, aber ich weiß jetzt, dass ich mit wenig auskomme und wozu ich das Handy bzw. das Internet wirklich benötige. Mir fällt es seit Neuseeland deutlich leichter, meine Prioritäten richtig zu setzen, aber auch das muss sich im Alltag erst bestätigen.

Neuseeland, oder Aoetaroa, das Land der langen weißen Wolke, wie es von den Maori genannt wird, hat noch mehr mit mir angestellt, als mir ein anderes Gefühl für Zeit und Werte zu vermitteln. An den weiteren Veränderungen bin ich aber selbst schuld, nunja, im Prinzip gilt das für alle Veränderungen, die mir widerfahren sind, denn ich muss sie ja letzten Endes zulassen können. Was ich jedoch meine sind jene Dinge, die mich oft genug blockiert haben. Meine Höhenangst ist nahezu vollständig gewichen, meine Angst vor neuen Dingen oder der Fremde ist einer Neugier gewichen, die mich antreibt. War es früher vor allem der Ehrgeiz und mein Streben nach Perfektion, ist es nun (wieder) diese kindliche Neugier, diese Lust aufs Leben. Es gibt so unfassbar viel zu entdecken, zu erleben, zu lesen, zu sehen, zu erfahren – ich lerne jeden Tag etwas dazu und möchte das auch gerne beibehalten. Lebenslanges lernen, davon war in der Schule und im Studium immer die Rede. Erst jetzt erschließt sich mir in der ganzen Breite, was genau damit gemeint ist. Es ist nicht das Büffeln über Büchern, zumindest nicht nur. Es ist nicht das Schreiben von Traktaten und Klausuren. Es ist das Leben an sich. Wem das jetzt hier zu metaphysisch wird, dem empfehle ich den schnellen Wechsel zu YouTube, da kann man sich dann durch jede Art von Video klicken, bis die Netzhaut glüht. Doch auch da gibt es Dinge, die man lernen kann – wenn man denn möchte. Viele junge Menschen, die mir hier begegnet sind, verbringen ihren ganzen Tag im Hostel vor dem Laptop, oder aber mit dem Smartphone in der Hand. Wenn man sie fragt, was sie hier gemacht haben, dann sind es oftmals nur wenige Dinge. Den Nevis-Bungee-Jump in Queenstown, der hoch und gefährlich ist, weil das klingt auf Facebook immer gut und man bekommt dieses Angeber-Shirt, was man dann auch immer trägt. Oder Skydive in Taupo, Abel-Tasman oder Wanaka. Oder die Tongariro Crossing. Coromandel? Nie gesehen. East Cape? Gibt es das da überhaupt? Bluff und Invercargill – liegen die denn nicht in Schottland? Ich bin zumeist innerlich tief erschüttert und frage mich, warum diese Generation oftmals so leidenschaftslos gegenüber den Wundern dieser Welt ist. Eine echte Antwort darauf habe ich nicht. Es wird ihnen vielleicht zu leicht gemacht. Das Geld für die Reise kommt von den Großeltern sowie den Eltern, manche der Work & Travel Fraktion hier haben in zwölf Monaten nicht ein einziges Mal gearbeitet, sind an drei oder vier Orten gewesen und haben ihre Surf-Fähigkeiten zwar ausgebaut, dafür auch ihre Leber langfristig geschädigt. Wenn ich soviel Zeit hier gehabt hätte, wäre ich sicher heute ein halber Kiwi. Ich hätte angefangen, Maori zu leren und sicherlich könnte ich auch auf dem Surfboard stehen. Hätte, hätte, Fahrradkette. Hab ich nicht, bin ich nicht. Für mich als Touristen-Visa-Einreisenden endet nach drei Monaten der Spaß, aber ich kann ja wieder hierher kommen. Oder hier eine Arbeitserlaubnis beantragen. Das hängt auch alles von meiner Neugier für andere Länder ab, denn auch das hat Neuseeland mit mir gemacht, es hat mir den Travelbug injiziert. Einmal von ihm gebissen, will man immer reisen. Selbst in jene Länder, die ich vorher nicht auf meinem Speiseplan hatte. Vietnam vielleicht. Oder Südamerika. Mein Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten ist extrem gewachsen. Genauso die Tatsache, dass ich es prima mit mir alleine aushalte. Noch nie zuvor bin ich alleine durch die Weltgeschichte gereist, höchstens mal ein Kurztrip oder so. Nun weiß ich, wie das geht und dass man nie alleine ist, wenn man nicht allein sein möchte.

Aroha. Liebe. Aotearoa. Neuseeland. Ich liebe dieses Land und ich werde sicher wiederkommen. Mein Mana wurde hier gestärkt, geprägt und auf ein neues Level gehoben. Mana, das ist in te reo, der Maori-Sprache, die spirituelle Kraft, die Aura, aber auch Autorität und Prestige. Seit ich hier bin, setze ich mich viel mit den Sichtweisen der Maori auseinander. Die Naturverbundenheit und das verwurzelt sein mit der Vergangenheit sind zwei Aspekte, die Maori immer wieder zugeschrieben werden. Dass die Maori ein kämpferisches und wildes Volk waren, ist ebenso bekannt, wie ihre Kultur und ihr Entdeckergeist. Was ich nicht wusste ist, dass die Maori auch geistig, strategisch und kulturell viel zu bieten haben. Kein Wunder, dass zahlreiche Profisportler heute Maori sind, denn sie verbinden das beste aus zwei Welten. Doch auch in der Mittelschicht gibt es viele erfolgreiche Maori, ganz besonders in der jungen Generation, die sich von unserer Jugend drastisch unterscheidet. Maori-Kinder wachsen bilingual auf, manche erlernen sogar drei oder vier Sprachen in ihrer Jugend. Sie sind sportlich, ehrgeizig, interessiert. Das hat viel mit Erziehung und Werten zu tun. Jeder Maori kann seine Ahnenliste herunterberten, das whakapapa. Die mündliche Überlieferung spielt hier eine wesentliche Rolle, denn Geschichte wird gelebt und erzählt. Jeder Maori hat einen Lebensbaum, den er sein Leben lang beschützen muss. Dieser verwurzelt ihn mit der Welt, seinen Ahnen, seinem Umfeld. Daneben wachsen Maori heute in der Welt der pakeha, der Weißen, auf. Das ist der Lebensraum und die Gesellschaft, mit der sie ihren Alltag ausmachen. Sozusagen funktionieren Maori auf zwei unterschiedlichen Ebenen und lernen früh, zwischen diesen beiden Welten umzuschalten. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass das den Horizont erweitert. Dazu kommt etwas, was für Abenteuerlust und ein erfülltes Leben mindestens genauso wichtig ist: Mystik. Früher hatte Religion diese Aufgabe in unserer Kultur. Sie hatte etwas mystisches. Heute hat sie bestenfalls etwas abschreckendes, sie hat sich institutionalisiert und damit jedwede Mystik verloren. Neuseeland bewahrt die Mystik, weil die Maori ihre Traditionen und Lebensweisen bewahren. Noch. Mich hat all das tief beeindruckt. Es hat Spuren und Fragen hinterlassen. Ich hätte meine Verbundenheit zu diesem Land gerne auch in einem te moko, einer Tätowierung, ausgedrückt. Diese Maori-Tattoos sind Geschichten, sie beschützen, sie erzählen und haben die Aufgabe, zu mahnen und zu erinnern. Sie sind gelebte Geschichte. Leider hat die Zeit dafür nicht gereicht, aber ich werde sicher zurückkehren und dann weitere Erinnerungen zu meinem Neuseeland-Album hinzufügen.

Wenn ich jetzt die Augen schließe und in schneller Reihenfolge meine Highlights in Stichworte presse, dann liest sich das so: Glowworms in Waitomo, Bungee in Kawarau, Skydive in Wanaka, Tongariro Alpine Crossing, Coromandel & Mount Maunganui, Kaikoura samt Whale-Watching und Delfinschwimmen, Cape Reinga und Sandboarding, Abseilen in Whangarei samt Glowworm Caves, Rere Falls und Rockslide, Kajak im Abel Tasman, sternenklare Himmel und Sternschnuppen bei Nacht, Schuhe geschenkt bekommen, Wellington in Wind und Sonne, Haka-Tours, Avocados noch und nöcher und Sonne, Sonne, Sonne. Ich könnte weitermachen, aber dann sind wir bei diesem Blog und was ich alles erlebt habe. Neuseeland ist soviel mehr als nur das, was ich hier erzählt habe. Persönliche Geschichten kommen hier so gut wie gar nicht vor, heute mache ich da mal eine Ausnahme. Es ist mein letzter Beitrag und ich möchte nicht vergessen, wie ich mich an diesem Tag gefühlt habe, was ich denke, was ich mitnehme. Es ist mein Mahnmal. Sozusagen ein inneres te moko. Es soll mich erinnern, beschützen und mir sagen, dass ich das alles nicht vergessen darf. Und dann ist da wieder dieses Lied von Morcheeba mit den Zeilen „wonders never cease“. Meine Reise geht weiter, (Reise-)Ziele gibt es ja genügend.